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Konflikt in der Ostukraine : Wer sind die grünen Männer?

Einige der Fotos, die das amerikanische Außenministerium als „weitere Beweise“ gegen Russland bezeichnet hat Bild: AP

Fotos aus der Ostukraine sollen belegen, dass Russland hinter den Aufständen dort steckt. Sie beweisen letztlich nichts. Doch es gibt starke Hinweise darauf, wer die bewaffneten Kämpfer tatsächlich sind.

          Seit vor zwei Wochen maskierte Bewaffnete in der Ostukraine damit begonnen haben, öffentliche Gebäude zu besetzen, hat die ukrainische Regierung immer wieder Bilder oder abgehörte Gespräche veröffentlicht, die beweisen sollen, dass diese Aktionen aus Russland organisiert und gelenkt werden. Diese angeblichen Belege hat sich laut „New York Times“ nun auch die amerikanische Regierung zu eigen gemacht. Die veröffentlichten Bilder seien „weitere Beweise für die Verbindung zwischen Russland und den bewaffneten Milizen in der Ostukraine“, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums am Montag. Ganz neu ist das freilich nicht, denn schon vergangene Woche haben Präsident Barack Obama, Kanzlerin Angela Merkel und andere führende westliche Politiker Russland öffentlich beschuldigt, hinter den Ereignissen in der Ostukraine zu stehen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der „rauchende Colt“, der ein russisches Eingreifen belegt, sind diese Bilder ohnehin nicht. Die von der ukrainischen Seite damit verbundenen Behauptungen sind nicht überprüfbar. So sollen einige Bilder belegen, dass ein Soldat einer russischen Eliteeinheit, der 2008 im Georgien-Krieg gekämpft haben soll, nun in Slawjansk unter den prorussischen Separatisten ist. Auf dem Bild von 2008 soll an seiner Uniform das Zeichen seiner Einheit zu sehen sein, das nun fehle. Doch selbst wenn es sich bei den Bildern stets um denselben Mann handeln sollte, was wahrscheinlich scheint, beweist das noch nichts: Auf diesen Bildern kann man den Ort und das Datum der Aufnahmen nicht erkennen.

          Umgekehrt gibt es aber starke Indizien dafür, dass die Behauptung Moskaus und der prorussischen Separatisten falsch ist, es handle sich bei den Bewaffneten in Slawjansk, Kramatorsk, Horliwka, Donezk und Luhansk um spontan gebildete „Landwehren“ der örtlichen Bevölkerung. Diese Gruppen sind einheitlich in Uniformen ohne Abzeichen gekleidet, haben gleiche Waffen und treten überaus koordiniert auf – das ist auch auf russischen Fernsehbildern erkennbar. Wie solche Einheiten in kurzer Zeit aus der Bevölkerung heraus entstanden sein sollen, bedürfte der Erklärung: Wer hat die Beschaffung von Waffen und Uniformen organisiert und finanziert? Wer hat die Mitglieder der Gruppen wie rekrutiert und auf Eignung getestet? Wer war in der Lage, in kurzer Zeit die offenbar vorhandenen Kommandostrukturen zu organisieren?

          Russische Waffen in der Ostukraine?

          Die gleichen Fragen haben sich schon im März viele auf der Krim gestellt, als Moskau die dort aktiven Truppen als „Selbstverteidigungskräfte“ der Krim-Bevölkerung bezeichnete, die mit den russischen Truppen nichts zu tun hätten. Dort gab es allerdings viele deutliche Hinweise darauf, dass es sich tatsächlich um russische Truppen handelte – bis hin zu russischen Militär-Nummernschildern an einzelnen Fahrzeugen der angeblichen „Selbstverteidigungskräfte“. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) haben Mitte März solche Belege zusammengetragen. Vergangene Woche fand Putin nun nichts mehr dabei, bei einem Fernsehauftritt das Eingreifen der russischen Armee zu bestätigen. Und einzelne Bewaffneter in der Ostukraine haben gegenüber westlichen wie russischen Medien geäußert, sie seien von der Krim gekommen, um den Menschen in der Ostukraine zu helfen.

          Der in Slawjansk als Führer der Separatisten und Bürgermeister auftretende Wjatscheslaw Ponomarjow hat am Montag gegenüber der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria-Nowosti einen interessanten Hinweis auf den Charakter der Bewaffneten in der Ostukraine gegeben – und damit selbst die Behauptung, es handle sich um eine „Landwehr“, unterminiert: Es handle sich dabei nicht um russische Soldaten, sondern „um meine alten Freunde, die mir zur Hilfe kamen“. Ponomarjow sagte demnach, er selbst habe in der sowjetischen Armee gedient und dabei auch an Spezialoperationen teilgenommen, bevor er 1992 ausgeschieden sei. Es seien Kameraden aus dieser Zeit, die „nicht nur aus Russland, sondern auch aus Moldau, Kasachstan und der Ukraine“ nach Slawjansk gekommen seien. Mit anderen Worten: Es scheint sich um frühere Angehörige von Spezialkräften zu handeln.  Daran freilich schließen sich weitere Fragen an: Wer hat diese Männer in die Ostukraine gebracht, wer hat sie ausgerüstet, wer koordiniert ihre Tätigkeit?

          Über der Frage, wer die „grünen Männchen“ sind, sollte allerdings nicht vergessen werden, dass sie von einem Teil der Bevölkerung in der Ostukraine unterstützt werden. Allerdings zeigen Umfragen der vergangenen Wochen, dass eine Mehrheit der Menschen in der Ostukraine auf der Seite des ukrainischen Staates steht.

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