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Konflikt in der Ostukraine : Soldaten oder ehemalige Soldaten?

Ein ukrainischer Soldat präsentiert eine Waffe, die den beiden Russen abgenommen worden sein soll. Bild: dpa

In einem Krankenhaus in Kiew liegen zwei gefangene russische Soldaten. Im Interview berichten sie von ihrer offiziellen Mission. Moskau aber beharrt auf seiner Linie, dass es nur freiwillige Kämpfer in der Ostukraine gebe.

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          Im unerklärten Krieg mit der Ukraine setzt das russische Staatsfernsehen, Schild und Schwert des Kreml, nun auf die Kraft der Familie. In einem Kiewer Krankenhaus liegen die Russen Alexander Alexandrow und Jewgenij Jerofejew. Nach ukrainischen und eigenen Angaben, die auch auf russischen Websites und in einigen russischen Zeitungen verbreitet werden, sind sie aktive Soldaten einer Einheit des Militärnachrichtendienstes GRU, die am 16. Mai nördlich von Luhansk verwundet und festgenommen wurden. Laut dem russischen Verteidigungsministerium sind sie hingegen „ehemalige“ Soldaten.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Diese Version bestätigten nun im Sender Rossija 24 zwei Personen, die als die Ehefrau Alexandrows und als der Vater Jerofejews vorgestellt wurden. Am Mittwochabend erschien zunächst ein Gespräch mit der Frau, die sagte, ihr Sascha habe Ende vorigen Jahres seinen Dienst in der Stadt Togliatti quittiert, um „mehr Zeit für die Familie“ zu haben. Sie habe geglaubt, er sei auf einer Fortbildung in der (russischen) Stadt Woronesch. Am Donnerstagnachmittag folgte das Gespräch mit dem Mann, der sagte, sein Sohn, ein „ehemaliger“ Soldat, oder vielmehr, „ich habe es nicht richtig gesagt“, ein „Hauptmann der Reserve“, habe den Dienst quittiert und ihm gesagt, er gehe nach Luhansk.

          Beide untermauerten so die Version, die weiterhin offizielle Linie in Moskau ist: Es gibt keine aktiven russischen Soldaten in der Ostukraine, sondern nur „Freiwillige“. Die Interviews erinnerten an den Spätsommer vorigen Jahres. Damals häuften sich Berichte über Todesfälle und Bestattungen junger russischer Soldaten, die mutmaßlich bei der „Gegenoffensive“ im Kampf mit der ukrainischen Armee gefallen waren. Seinerzeit brachte das vom Kreml kontrollierte Fernsehen schließlich einige Beiträge über die Bestattungen von Männern, die heldenhaft in ihrer Freizeit in den „Bürgerkrieg“ gezogen seien.

          Doch die Männer, um die es nun geht, leben – und der russischen Zeitung „Nowaja Gaseta“ wurde es am Donnerstag gestattet, mit ihnen zu sprechen. Alexandrow und Jerofejew beschwerten sich, dass man sie als Soldaten und als Bürger Russlands im Stich lasse. Konfrontiert mit der Aussage der Frau, brach Alexandrow laut dem Bericht in Tränen aus und sagte, er und seine Frau dienten in derselben Militäreinheit. Sie habe gewusst, dass er in den Donbass reise. „Es gab einen Befehl! Ich habe doch der Heimat einen Eid geleistet!“ Alexandrow hob hervor, er sei „kein Terrorist“. Denn die Ukrainer bezichtigen ihn und seinen Kameraden des Terrorismus. Beide Männer bekräftigten dagegen, an einer Aufklärungsmission beteiligt gewesen zu sein. Sie sähen sich vorzugsweise als „Kriegsgefangene“ behandelt, äußerten den Wunsch nach einer Rückkehr in die Heimat und nach konsularischer Betreuung (nach russischen Angaben wird dem Botschafter die Besuchserlaubnis verweigert, ukrainische Medien berichteten, das Treffen finde trotz Erlaubnis nicht statt).

          OSZE-Beobachter teilten nach einem Besuch bei Alexandrow und Jerofejew mit, beide hätten gesagt, sie seien schon zuvor in der Ukraine „auf Mission“ und dieses Mal „bewaffnet, aber ohne Befehl zum Angriff“ unterwegs gewesen. Einer der Männer habe immer wieder bekräftigt, es seien keine russischen Soldaten an Kämpfen in der Ukraine beteiligt. Das hob Jerofejew auch im Gespräch mit der „Nowaja Gaseta“ hervor. Alexandrow dagegen sagte, die russische Armee sei im Donbass präsent: „Es ist einfach unvorteilhaft, das zuzugeben.“

          Die Interviews einschließlich der Erlaubnis, Teile der Gespräche zu filmen, gaben die beiden Männer angeblich freiwillig. Doch ohne den Willen der ukrainischen Behörden wäre dies undenkbar. Mutmaßlich versucht Kiew so, Druck auf die Führung in Moskau aufzubauen, auch im Hinblick auf einen möglichen Austausch, vorzugsweise mit der Nationalheldin Nadija Sawtschenko, der Kampfpilotin, die seit bald einem Jahr in russischer Untersuchungshaft gehalten wird. Sie ist indes nur der prominenteste Fall von vielen: Nach Angaben der ukrainischen Kriegsreporterin Anna Iwinskaja werden derzeit zwischen 200 und 400 ukrainische Kämpfer in Russland festgehalten. Dmitrij Peskow, der Sprecher des russischen Präsidenten, sagte am Freitag, man unternehme alles Notwendige, um die beiden „russischen Bürger, die sich in Gefangenschaft befinden“, zu befreien. „Weiteres kann ich nicht sagen“, äußerte Peskow.

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