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Kommentar : Nemzows Tod, Putins Beitrag

  • -Aktualisiert am

Gedenken an Boris Nemzow: Ein Mord in einer Atmospäre des Hasses Bild: dpa

Das Beileid aus dem Kreml nach dem Mord an Boris Nemzow schmeckt gallenbitter. Die politische Führung Russlands hat über Jahre hinweg ein Klima geschaffen, in dem Andersdenkende zum Abschuss freigegeben wurden.

          Ein unermüdlicher Kritiker des Kremls ist buchstäblich vor den Mauern desselben erschossen worden. Als die Nachricht vom brutalen Mord an Boris Nemzow sich am späten Freitagabend verbreitete, löschten Mitarbeiter des russischen Fernsehsenders  NTW flink eine Werbung für den dritten Teil ihrer Serie zur Diffamierung der russischen Oppositionsführer. Einer der Protagonisten dieser Sendung hätte Nemzow sein sollen. Die Sendereihe „Anatomie des Protestes“ hatte ein einziges Ziel: Die Führer der liberalen Opposition in den Augen der russischen Zuschauer als Volksfeinde und kriminelle Verräter darzustellen, sie zu dämonisieren und ihre Reputation nachhaltig zu vernichten. Dies hat sich im Falle von Nemzow erübrigt. Er ist tot.

          Wenn Wladimir Putin nun der Mutter des Toten sein Beileid ausspricht und Dmitrij Medwedjew den Politiker Nemzow als einen außergewöhnlichen „Mann mit Prinzipien“ lobt, schmeckt dies gallenbitter. Die politische Führung Russlands hat über Jahre hinweg ein Klima geschaffen, in dem Andersdenkende marginalisiert, terrorisiert und praktisch zum Abschuss freigegeben wurden. Das staatlich kontrollierte Fernsehen war dabei ihre vielleicht wirksamste Waffe.

          Nemzow selbst und seine Mitstreiter durften mit ihren Anliegen von einem freien und demokratischen Russland nie in dessen Studios auftreten. Auch wenn kein Kremlbeamter den Schützen bestellt und bezahlt haben sollte, der aus einem Auto heraus sechs Mal auf Nemzow feuerte, so hat doch der Kreml die Stimmung geschaffen, in der ein solcher Mord geschehen kann.

          Der russische Präsident hat angekündigt, die Aufklärung des Verbrechens persönlich überwachen zu wollen. Dies sollte jedoch niemanden zu der voreiligen Hoffnung verleiten, die Tat könnte tatsächlich aufgeklärt werden. Möglicherweise werden irgendwann Handlanger vor Gericht gestellt, wie im Falle der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja. Die wahren Drahtzieher blieben jedoch im Dunkeln.

          Fährten und Finten

          Das russische Ermittlerkomitee zeigt im Falle Nemzow zumindest großen Aktionismus und legte in einer ausführlichen Pressemitteilung bereits die unterschiedlichen Richtungen dar, in die ermittelt werde. Der Mord könnte demnach eine „Provokation zur Destabilisierung“ des Landes gewesen sein. Die Trolle des Kremls beschuldigen in den sozialen Netzwerken westliche Geheimdienste als Auftraggeber der Killer. Auch einer islamistischen Spur gehen die russischen Fahnder angeblich nach, weil Nemzow die Morde an den französischen Karikaturisten und Mitarbeitern der Satirezeitschrift „Charlie  Hebdo“ verurteilt hatte und deshalb Drohungen erhalten haben soll.

          Die dritte wichtige Fährte der Ermittler führt nach deren eigenen Angaben in die Ukraine. Der innerukrainische Konflikt habe auf beiden Seiten Kräfte hervorgebracht, die sich keiner Macht unterordnen, heißt es. Nemzow sprach sich - als einer von wenigen Russen - offen für die Rückgabe der Krim an die Ukraine aus und forderte - wie viele - die Beendigung des Krieges im Donbass.

          Nach Informationen seiner Mitstreiter arbeitete der Oppositionelle gerade an einem Bericht über die Aktivitäten des russischen Militärs in der Ukraine. Sollte sich deshalb einer der nach Moskau heimgekehrten Unterstützer der Separatisten an Nemzow gerächt haben, wie sogleich gemutmaßt wurde, so kann Putin sich nicht aus der Verantwortung herausreden. Es wäre ein Geist, den er gerufen hat.

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