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Kommentar : Mutter Europa

Papst Franziskus und die Gäste der Preisverleihung in der Sala Regia im Vatikan Bild: dpa

Sollte der diesjährige Karlspreis wie bisher einer Persönlichkeit gegolten haben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht hat, so ist Papst Franziskus definitiv die falsche Wahl.

          Sollte der Internationale Karlspreis zu Aachen im Jahr 2016 wie bisher einer Persönlichkeit gegolten haben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht hat, so ist Papst Franziskus definitiv die falsche Wahl. Denn von Italien und einem Besuch der europäischen Institutionen in Straßburg abgesehen hat der Papst vom Ende der Welt in den mehr als drei Jahren seines Pontifikats keinen Fuß in auch nur ein Land jener Europäischen Union gesetzt, deren Bürgern und Regierungen er am Freitag zum zweiten Mal die Leviten las.

          Für Europa wenig übrig zu haben ist das gute Recht des Papstes. Schließlich ist er das Oberhaupt einer inzwischen mehr als 1,1 Milliarden Mitglieder zählenden Glaubensgemeinschaft, in der die Bedeutung des europäischen Christentums quantitativ wie qualitativ von Jahr zu Jahr abnimmt. Der fromme Wunsch des Papstes, das müde und unfruchtbar gewordene Europa möge doch wieder „Mutter“ sein (statt der „Großmutter“ aus seiner letzten Europa-Rede), müsste daher mehr noch als der EU den Katholiken, ja allen Christen in Europa gelten.

          An Vorbildern mangelte es ihnen von Adenauer über Schuman und de Gasperi nicht. Stattdessen zeigen sich die Risse im europäischen Fundament auch in den Kirchen: Wenn die europäische Identität – so der Papst – immer eine dynamische und multikulturelle war, so zeigen sich unter den Katholiken Polens oder Ungarns ebenfalls jene introvertierten und nationalistischen Tendenzen, die Franziskus für eine Degenerationserscheinung der wahren europäischen Seele hält. Mehr noch: Wenn Franziskus von einem müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europa spricht, so gilt das für manche Gesellschaften noch eher als für die jeweiligen Christentümer – mit den deutschsprachigen Ländern sowie Italien als rühmenswerten Ausnahmen, wie sich in Zeiten der Flüchtlingskrise wieder einmal zeigt.

          Es sind die Träume wie die des Papstes von einem „neuen europäischen Humanismus“, an die sich die Protagonisten der Krise des europäischen Integrationsprojektes von Juncker über Schulz bis Tusk klammern. Mehr ist ihnen nicht geblieben – außer dem Karlspreis, mit dem jeder von ihnen schon einmal ausgezeichnet wurde. Ein besseres Sinnbild für die Selbstbezogenheit der Europapolitiker und das Misstrauen gegenüber der politischen und wirtschaftlichen Einigung, das ihnen entgegenschlägt, kann es eigentlich kaum geben.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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