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Krim-Krise : Moskau zieht Truppen von ukrainischer Grenze ab

Abzug und Einzug: Russische Panzer werden mit der Eisenbahn auf die Krim gefahren. Bild: REUTERS

Russland hat einen Teil der Truppen offenbar wieder abgezogen, die das Land an der Grenze zur Ukraine konzentriert hatte. Das teilten Vertreter der ukrainischen Regierung der F.A.Z. in Kiew mit. Präsident Putin informierte Kanzlerin Merkel ebenfalls darüber.

          Der russische Truppenaufbau an der ukrainischen Grenze ist nach Informationen aus Kiew in den vergangenen Tagen offenbar zu Ende gegangen. Ein hoher Vertreter der ukrainischen Regierung sagte der F.A.Z. am Montag, seit dem vorigen Freitag sei nach vorläufigen ukrainischen Erkenntnissen die Zahl der russischen Soldaten im Grenzgebiet, die vorher kontinuierlich gestiegen war, von etwa 80.000 auf nur noch 60.000 zurückgegangen. Es hieß, diese Zahlen stünden nicht im Widerspruch zu amerikanischen Schätzungen, in denen von 40.000 russischen Militärangehörigen gesprochen worden ist. Die Realität sei dieselbe, nur hätten die Ukrainer eine andere Systematik angewendet.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Russlands Präsident Wladimir Putin informierte Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Telefonat über einen Teilrückzug russischer Soldaten von der Ostgrenze der Ukraine. Darüber hinaus hätten Merkel und Putin „mögliche weitere Schritte zur Stabilisierung der Lage in der Ukraine und in Transnistrien“ erörtert, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin mit. Laut einem Bericht der russischen Agentur Interfax verlangte Putin, die „faktische Blockade“ der von der Republik Moldau abtrünnigen Provinz Transnistrien zu beenden. In dem international nicht als selbständig anerkannten Gebiet, in dem es eine slawische Bevölkerungsmehrheit gibt, sind russische Soldaten stationiert.

          Der Teilrückzug der russischen Truppen wird in der Regierung in Kiew mit vorsichtiger Erleichterung kommentiert. Das Bild sei zwar „noch unklar“ und die Gefahr eines russischen Angriffs sei noch da, aber sie scheine heute „weniger akut“ als noch vor ein paar Tagen: „Die heiße Phase ist vorläufig zu Ende“, sagte der Regierungsvertreter. Er sah mehrere Gründe für die mögliche Entspannung. Zum einen hätten die geschlossene Haltung der demokratischen Welt sowie deren Sanktionsbeschlüsse Russland vielleicht doch beeindruckt. Zum anderen aber sei es der Ukraine seit der russischen Invasion der Krim Anfang März gelungen, ihr vernachlässigtes Militär wieder einsatzbereit zu machen. Etwa 48000 Mann seien als Reaktion auf den russischen Aufmarsch von der Zentral- und Westukraine in die drei bedrohten Regionen um Tschernihiw im Norden, um Charkiw im Osten und an die Zufahrt zur Halbinsel Krim im Süden verlegt worden. „Heute stehen wir viel besser da, als noch am Anfang der Krise“ heißt es in Kiew. Der russische Präsident Wladimir Putin werde wohl gegenwärtig „keinen klassischen Angriff mehr wagen“.

          „Klassischer Krieg ohnehin kein Plan Putins“

          Diese Analyse wird in Kiew durch die Vermutung gestützt, ein „klassischer Krieg“ sei ohnehin nie der Plan des Kremls gewesen. Vielmehr glaubt man, Moskau habe im Rahmen einer „Russischer Frühling“ genannten verdeckten Operation acht der 25 Verwaltungsgebiete (Oblaste) der Ukraine nach dem selben Muster infiltrieren und annektieren wollen, wie auch die Krim. In den Gebieten Luhansk, Donezk, Charkiw, Saporischja, Dnipropetrowsk, Cherson, Mykolajiw und Odessa seien prorussische Unruhen beabsichtigt gewesen. Diese hätten dann mit Hilfe von als „Selbstschutzmilizen“ getarnten russischen Spezialeinheiten und unter dem indirekten Schutz russischer Truppenmassierungen in eine Sezession von Kiew hineingeführt werden sollen. Damit hätte Russland die Ostukraine sowie die gesamte ukrainische Schwarzmeerküste bis an die Grenze zu Moldau und zu Rumänien unter seine Kontrolle bekommen.

          Eine Gesprächssituation wie bei Putin: Ministerpräsident Medwedjew und Aksjonow, der Regierungschef der Krim

          Nach Kiewer Auffassung hat Russland möglicherweise mittlerweile eingesehen, dass dieser Plan misslungen ist. Anfängliche Unruhen im Osten und Süden der Ukraine hätten sich nicht zu Flächenbränden ausgeweitet, vor allem, weil die Bevölkerung nicht mitgezogen habe, aber auch, weil der ebenfalls verstärkte ukrainische Grenzschutz zuletzt täglich bis zu 500 einströmende „Diversanten“ an der Grenze abgefangen habe. „Der Osten ist heute stabiler als noch vor einer Woche“, heißt es deshalb. „Das Projekt ,Russischer Frühling‘ ist gescheitert.“

          Dennoch erwartet man in der ukrainischen Hauptstadt nicht, dass der Konflikt mit Moskau über den künftigen Kurs des Landes bald zu Ende gehen wird. Russland, heißt es, habe seine Ziele nicht aufgegeben, sondern es sei nur im Begriffe, neue Methoden zu entwickeln. Dazu könne gehören, die nach dem Sturz Präsident Viktor Janukowitschs anberaumte vorzeitige Präsidentenwahl am 25. Mai zu stören und den Wahlvorgang zu diskreditieren. Der Ukraine solle keine Gelegenheit bekommen, sich als funktionierende Demokratie zu etablieren.

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