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Katholische Kirche : Der Papst haut rein

Noch wird ihm vieles nachgesehen: Papst Franziskus Ende Januar bei einer Audienz mit Kindern im Vatikan Bild: dpa

Hau rein – für Papst Franziskus heißt das übersetzt: Mach etwas aus deinem Leben. Doch er spielt mit solchen Äußerungen mit dem Feuer.

          3 Min.

          Kurz nach der Wahl von Papst Franziskus erinnerte sich eine Frau aus einem ärmlichen Stadtviertel im Großraum Buenos Aires an die Zeit, als sie jung war und ein Jesuit namens Jorge neben dem Amt des Rektors der größten Ausbildungseinrichtung seines Ordens auch noch örtlicher Pfarrer war: „Hagamos lío“, so habe er die Jugendlichen angespornt – was aus dem argentinischen Spanisch mit „Macht Wirbel“ fast ein wenig zu vornehm übersetzt ist. Man könnte auch sagen: „Haut rein.“

          Nein, nicht mit der Faust in das Gesicht von irgendjemandem, auch nicht mit der flachen Hand auf irgendein Körperteil eines Kindes. Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen, das sollten die Jugendlichen von San Miguel, sich nicht abfinden mit alltäglicher Gewalt, endemischer Armut und allgegenwärtiger Ausgrenzung. So wollte es Padre Jorge in den achtziger Jahren, so sprach Papst Franziskus im Juli 2013 während des Weltjugendtages in Río de Janeiro: „Ich will, dass es Wirbel gibt – im Inneren eines jeden Einzelnen, hier in der Stadt, überall in der Kirche – ja, den wird es geben.“

          Franziskus sagte römischen Missständen den Kampf an

          Recht hat er – und mehr als das. Denn mittlerweile ist aus dem obersten Brückenbauer der Kirche der größte Unruhestifter geworden. Und das mit Mitteln, die, gelinde gesagt, unkonventionell sind. Man könnte auch sagen: Der Papst haut rein. Schon am Abend seiner Wahl hat Franziskus aller Welt zu verstehen gegeben, dass er nicht daran denke, sich um vatikanische Etikette und klerikale Konventionen zu scheren.

          Fast zwei Jahre später hat er den römischen Missständen den offenen Kampf angesagt. In seiner Weihnachtsansprache an die Mitarbeiter der Kurie rechnete er mit Größenwahn und Geschwätzigkeit in einer Sprache ab, die den Invektiven Martin Luthers gegen den Antichrist nicht nachsteht. Die Logik dieses Vorgehens will sich bis heute nicht recht erschließen. Wer seine Mitarbeiter öffentlich bloßstellt, der ist entweder restlos verzweifelt oder hängt Allmachtsfantasien an. Eines ist sicher: Auf die ohnehin nicht sonderlich stark ausgeprägte Loyalität vieler Kurialer kann der Papst seit dem 22. Dezember nicht mehr setzen.

          Kurienreform ohne Rücksicht auf Verluste

          Ohne Rücksicht auf Verluste baut Franziskus auch das Kardinalskollegium um. Bestanden die Meriten neuer Kardinäle zumeist darin, Erzbischof von Venedig, Chicago, Monterrey oder Berlin geworden zu sein und damit automatisch Anrecht auf die Kardinalswürde zu haben, so macht Franziskus die Karriereplanungen einer ganzen Generation von Geistlichen zunichte. Die Kardinalswürde für Bischöfen aus Tonga, Myanmar, Michoacán (Mexiko) oder Sizilien ist an Symbolkraft nicht zu überbieten: Nicht oben angekommen zu sein ist das Verdienst, sondern an den Rändern der Kirche und inmitten der Not der Welt von dem Gott des Lebens Zeugnis zu geben: Tonga – Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit durch den Klimawandel; Myanmar – Behauptungswillen in einer Diktatur, der Glaubens- und Gewissensfreiheit nichts galt; Michoacán – Martyrium von Christen im Kampf gegen das vom Rauschgifthandel lebende organisierte Verbrechen; Sizilien – ein Europa, das Flüchtlinge willkommen heißt. Seinen augenzwinkernden Humor hat Papst Franziskus darüber nicht verloren: Den neuen Kardinälen schrieb er einen Brief mit der Mahnung, sie sollten sich nichts auf die Berufung einbilden, sondern lieber beten und Buße tun. Übermut sei so wenig angebracht „wie Grappa auf nüchternen Magen“.

          Spaß an improvisierten Äußerungen

          Von der Lebenserfahrung des mittlerweile 78 Jahre alten Mannes künden denn auch die oft improvisierten Einlassungen des Papstes in Situationen, die er lange gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser. Als Erzbischof von Buenos Aires war Bergoglio für Journalisten nicht zu sprechen, angeblich, weil er nicht zum Spielball im politischen Meinungskampf werden wollte. Mittlerweile scheint er an improvisierten Einlassungen selbst zu heikelsten Themen Spaß gefunden zu haben: Mutti beleidigen geht nicht, dass Katholiken wie Karnickel rammeln, stimmt nicht, einen Klaps auf den Hintern von Kindern in Ehren kann niemand verwehren?

          Plastische Formulierungen wie diese führen nicht nur bei solchen Zeitgenossen zu Schnappatmung, die den Argentinier mit italienischen Vorfahren über den Leisten sprachlicher und politischer Korrektheit schlagen wollen. Selbst auf ihre Plausibilität in den Lebenswelten der Mehrheit der Katholiken hin ausgelegt, die nicht in freiheitlich-demokratischen Rechts- und Sozialstaaten aufwachsen, gleicht der Missverständnisse geradezu einladende Umgang mit Metaphern und Analogien einem Spiel mit dem Feuer.

          Aber einem Feuer, an dem sich viele wärmen. Papst Benedikt XVI. hat nach missverständlichen Äußerungen oft heftig einstecken müssen. Seinem Nachfolger sieht man vieles nach – doch wohl nur so lange, wie der Wirbel, den er macht, dem Fortschritt dient. Dass Franziskus wie sein Vorgänger in einer an Zeiten des Absolutismus erinnernden Machtvollkommenheit agiert und gegenüber der Bischofssynode sogar den Jurisdiktionsprimat des I. Vatikanums in Stellung gebracht hat, wird schnell übersehen. Und dass man „lío“ im gewöhnlichen Spanisch am treffendsten übersetzt mit – „Chaos“.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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