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Katalanischer Nationalfeiertag : Ein stolzes Völkchen feiert sich selbst

Ein Traum in Gelb, Rot und Orange: Hunderttausende demonstrieren am Unabhängigkeitstag in Barcelona. Bild: AP

Die Katalanen wollen von Madrid ernst genommen werden. Von der Unabhängigkeit erhoffen sie eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage.

          Der Abend des katalanischen Nationalfeiertags endet in einem Volksfest unter Flaggen – und einem politischen Gerangel um Zahlen. 1,4 Millionen Teilnehmer schätzt die Stadtpolizei von Barcelona. Die Veranstalter sprechen von mindestens 2 Millionen. Und die Vertretung der spanischen Zentralregierung teilt mit: 520.000 bis 550.000.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wichtiger als Zahlen sind die Fernsehbilder, aufgenommen aus Hubschraubern, denn anders ließ sich das Ausmaß der Menschenmassen auf der Avenida Meridiana in Barcelona nicht erfassen. Dicht gedrängt standen die Demonstranten, füllten an diesem Freitagnachmittag eine der Hauptstraßen der Stadt auf einer Länge von 5,2 Kilometern mit Gelb und Rot, den katalanischen Farben. Und wie eine La-Ola-Welle ließen sie ihre Forderung unüberhörbar auf- und nieder schwappen: „I – Inde – Independència“. Unabhängigkeit.

          Als Höhepunkt schickten die Organisatoren, das Bündnis „Ara és l’Hora“ („Es ist an der Zeit“), einen großen gelben Zeiger auf den Weg durch die Massen. Die Träger des Zeigers liefen um 17.14 Uhr los. Punktgenau. An ihrem Nationalfeiertag, der „Diada“, feiern die Katalanen nämlich keinen Triumph. Sie erinnern an eine Niederlage – vom 11. September 1714. An diesem Tag eroberte Felipe V., König von Spanien, die Stadt und unterwarf die Katalanen.

          Das Datum ist in allen Köpfen. Während jedes Heimspiels des FC Barcelona hallt bei Minute 17.14 der Ruf nach Unabhängigkeit durchs Stadion. Und bei den am 27. September anstehenden Regionalwahlen haben separatistische Parteien, die für den Fall eines Sieges innerhalb von 18 Monaten die Abspaltung von Spanien durchziehen wollen, durchaus Chancen auf eine absolute Mehrheit. Die Frage ist: warum? Was treibt in Zeiten der Europäischen Union und der Globalisierung so viele Katalanen an, die spanische Demokratie verlassen und ein eigenes, kleines Land gründen zu wollen?

          „Ich war im Gefängnis, weil ich Katalane bin“, sagt Joaquin Vatlle-Biques, 91, der zur Feier des 11. Septembers rot-gelbe Hosenträger über dem weißen Hemd anhat und eine entsprechende Pappkrawatte. „Franco wollte uns hispanisieren. In der Öffentlichkeit war es verboten, Katalanisch zu sprechen. Und auch heute sind wir nicht frei.“

          „Es geht um Würde“, sagt Teresa Lazarom, 68, Rentnerin. „Ich hatte nie ein Problem mit meinem spanischen Pass. Aber die spanische Regierung behandelt uns nicht wie andere Spanier. Wir zahlen Steuern, bekommen sie aber nicht im gleichen Verhältnis zurück wie andere Regionen. Hier fehlt es an Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit und Bildung.“

          „Mir ist unsere Sprache sehr wichtig. In den Schulen wollen sie aber immer mehr Spanisch-Stunden durchsetzen“, sagt Eva Gascons, 45, Beamtin. „Viele Spanier hassen uns Katalanen. Es gibt viele ablehnende Kommentare in den sozialen Netzwerken“, sagt Nora Guari, 18, Schülerin. „Die spanische Regierung erkennt nicht an, dass Katalonien seine Besonderheiten hat. Sie beschneidet systematisch unsere Rechte“, sagt Xavier Rodrigues, 40, Sanitäter. „So wie bei unserem Autonomiestatut.“

          Das Autonomiestatut wurde vom Verfassungsgericht gekippt

          Viele Menschen, die heute in Katalonien leben, kamen ursprünglich aus anderen Teilen Spaniens, gerade einmal ein Fünftel aller Katalanen fühlt sich „ausschließlich katalanisch“. Ein Blick auf Meinungsumfragen zeigt, dass die Separatisten lange Jahre auch nur eine Minderheit von weniger als zwanzig Prozent darstellten. Erst 2010 machte die Kurve einen steilen Knick nach oben.

          Es ist das Jahr, in dem das Verfassungsgericht in Madrid sein Urteil über das katalanische Autonomiestatut fällte, das zuvor vom spanischen Parlament und in einer Volksbefragung von der Mehrheit der Katalanen angenommen worden war. Die neue Landesverfassung hätte die Autonomie erheblich verbessert, hätte die katalanische Sprache gestärkt und – wichtig für die Volksseele – Katalonien als „Nation“ anerkannt. Die konservative Volkspartei aber klagte dagegen. Und bekam Recht.

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