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Karlspreis-Verleihung in Rom : Franziskus warnt vor „Uniformierung des Denkens“

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Papst Franziskus begrüßt bei der Verleihung des Karlspreises im Vatikan EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Bild: dpa

Papst Franziskus hat Europa angesichts der Flüchtlingskrise zu einem neuen Humanismus aufgerufen. Er träume „von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist“.

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          Papst Franziskus hat zur Karlspreis-Verleihung ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Erneuerung Europas gehalten. Er träume von einem „neuen europäischen Humanismus“, der sich durch die Fähigkeit zu Integration, Dialog und Kreativität auszeichne, sagte er bei dem Festakt am Freitag im Vatikan. Nachdrücklich verteidigte er Kulturoffenheit und Mut zur Veränderung im Alten Kontinent: „Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität“, so der Papst.

          Angesichts einer „zerrissenen und verwundeten Welt“, müsse Europa zu der gleichen „Solidarität der Tat“ und konkreten Großzügigkeit zurückkehren, die auf den Zweiten Weltkrieg folgte, mahnte Franziskus. Er verwies dabei auf Robert Schuman, einen der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft. Mit „kosmetischen Überarbeitungen oder gewundenen Kompromissen zur Verbesserung mancher Verträge“ dürfe man sich nicht zufriedengeben. Die Idee Europas müsse ins Heute übersetzt werden, sagte Franziskus mit dem Wort „Aggiornameto“, einem Schlüsselbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965).

          Nur mit einer „starken kulturellen Integration“ werde die Staatengemeinschaft „die Größe der europäischen Seele wiederentdecken, die aus der Begegnung von Zivilisationen und Völkern entstanden ist“ und die weiter reiche als die aktuellen Grenzen der EU. Mit einem Zitat von Konrad Adenauer warnte Franziskus, nichts gefährde das Abendland so sehr wie eine „Uniformierung des Denkens“. Für Integration reiche eine „bloß geografische Eingliederung der Menschen“ nicht aus.

          Als unverzichtbar nannte Franziskus auch Dialogfähigkeit. „Der Frieden wird in dem Maße dauerhaft sein, wie wir unsere Kinder mit den Werkzeugen des Dialogs ausrüsten und sie den ’guten Kampf’ der Begegnung und der Verhandlung lehren“, sagte er. Eine „Kultur des Dialogs“ schlug er als fachübergreifendes Element in den schulischen Lehrplänen vor.

          Franziskus: Situation lässt keine Zaungäste zu

          Es gelte, „der jungen Generation eine andere Art der Konfliktlösung einzuprägen als jene, an die wir sie jetzt gewöhnen“, so der Papst. Notwendig sei die Fähigkeit, nicht nur militärische oder wirtschaftliche Bündnisse zu schließen, sondern auch kulturelle und religiöse.

          Die Bürger Europas mahnte der Papst zu aktiver Teilnahme am Aufbau einer integrierten und versöhnten Gesellschaft. „Die gegenwärtige Situation lässt keine bloßen Zaungäste der Kämpfe anderer zu.“ Sie sei im Gegenteil ein deutlicher Appell an die „persönliche und soziale Verantwortung.“

          Junge Menschen spielten dabei eine tragende Rolle, so Franziskus. „Sie sind nicht die Zukunft unserer Völker, sie sind ihre Gegenwart.“ Ein neues Europa lasse sich nicht planen, „ohne dass wir sie einbeziehen und zu Protagonisten dieses Traums machen“. In dem Zusammenhang verlangte Franziskus auch die Suche nach gerechteren Wirtschaftsmodellen, die vor allem jungen Leuten eine berufliche Perspektive ermöglichten.

          „Am Wiederaufblühen eines zwar müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europas kann und soll die Kirche mitwirken.“ sagte der Papst. Seine Rede schloss er mit einem hymnischen Appell für einen neuen europäischen Humanismus: „Ich träume von einem Europa, in dem Migrant zu sein kein Verbrechen ist, sondern vielmehr eine Einladung zu einem größeren Einsatz mit der Würde der ganzen menschlichen Person. (...) Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.“

          Karlspreisdirektorium: „herausragendes Engagement“

          Das Karlspreisdirektorium würdigte damit laut der Verleihungsurkunde sein „herausragendes Engagement für Frieden, Verständigung und Barmherzigkeit in einer europäischen Gesellschaft der Werte“. An der Zeremonie nahmen unter anderen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie die Spitzen der EU teil.

          Der Vorsitzende des Karlspreisdirektoriums, Jürgen Linden, sagte bei der Verlesung der Urkunde in der Sala Regia des Apostolischen Palastes, Franziskus gebe „Mut und Zuversicht, Europa wieder zu dem Traum zu machen, den wir seit mehr als 60 Jahren zu träumen gewagt haben“. Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp beklagte eine Erosion des kulturellen und moralischen Fundaments in Europa. Es sei ein „großes Glück“, dass Franziskus ohne einen „Wohlstandsschleier“ auf den in Widersprüche verzerrten Kontinent schaue.

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