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Tsipras’ Deutschland-Beraterin : Den Griechen Merkel und Schäuble erklären

Kaki Bali: „Ich erhoffe mir von dieser Regierung, dass sie eine ehrlichere und fairere Beziehung zu Europa aufbauen kann.“ Bild: 360-Berlin

Kaki Bali ist die Beraterin von Alexis Tsipras für dessen wichtigsten Verhandlungspartner. Die frühere Journalistin soll dem griechischen Ministerpräsidenten nahebringen, wie Deutschland, die Deutschen und ihre Kanzlerin ticken. Ein harter Job.

          Der Anruf kam im Februar. Kurz nach dem Wahlsieg von Alexis Tsipras und seinem „Bündnis der radikalen Linken“ (Syriza) klingelte das Mobiltelefon von Kaki Bali. Der Mann am anderen Ende wollte von ihr wissen, ob sie Interesse habe, an einem Himmelfahrtskommando teilzunehmen. Zwar sagte er das nicht mit genau diesen Worten, doch darauf lief das Angebot hinaus. „Ich wurde gefragt, ob ich mitmachen wolle bei diesem großen Versuch, Griechenland zu verändern. Da ich es als einmalige Chance betrachte, habe ich zugesagt. Ich möchte dafür arbeiten, denn ich erhoffe mir von dieser Regierung, dass sie eine ehrlichere und fairere Beziehung zu Europa aufbauen kann“, sagt Kaki Bali. Worauf es dem Stab von Alexis Tsipras vor allem ankam, war die Deutschland-Kompetenz von Bali. Die ehemalige Journalistin soll dem außenpolitisch unerfahrenen griechischen Ministerpräsidenten erklären, wie Deutschland, die Deutschen und ihre Kanzlerin funktionieren.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ein harter Job, für den Bali aber die besten Voraussetzungen mitbringt. Nach dem Besuch der Deutschen Schule in Thessaloniki begann sie zunächst ein Studium der Mathematik in Griechenland, doch bald zog es sie ins Ausland. Sie habe Lust gehabt, „die Welt kennenzulernen“, und da sei Deutschland aufgrund ihrer Sprachkenntnisse naheliegend gewesen. Von 1986 an lebte sie zwölf Jahre in Deutschland, sie kennt also ihre Pappenheimer. Bali studierte Journalismus und Kommunikationswissenschaft in Deutschland, absolvierte Praktika bei der Deutschen Presse-Agentur und der Deutschen Welle. „Eigentlich hatte ich nicht vor, Journalistin zu werden. Aber dann fiel die Mauer, und plötzlich erschien mir Journalismus als der schönste Job der Welt. Es ging darum, dabei zu sein, wenn sich die Geschichte ändert“, beschreibt sie ihr Leben Ende der achtziger Jahre in Kohls Republik.

          Angestrengte Kommunikation: Griechenlands Alexis Tsipras und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Pressekonferenz im März 2015

          Deutschland durch Balis Augen für Syrizas Parteizeitung

          Bali berichtete als Korrespondentin aus Deutschland für mehrere griechische Zeitungen und einen Fernsehsender in Thessaloniki. Sie brachte den Griechen das sich verändernde Deutschland näher. In ihrer Heimat erschienen ihre Berichte und Reportagen über das völkerrechtlich zwar nicht mehr geteilte, aber innerlich noch zerrissene Land vor allem in dem Blatt „Avgi“ (Morgenröte), der Parteizeitung von Syriza beziehungsweise ihren Vorgängerformationen. Auch nach ihrer Rückkehr nach Griechenland beobachtete und kommentierte Bali weiterhin deutsche Angelegenheiten für „Avgi“, bis zum Beginn dieses Jahres. Ihre Artikel, die durchaus nicht immer auf der Parteilinie lagen – „Avgi“ lässt den eigenen Mitarbeitern recht großen Freiraum –, fielen im Kabinett von Tsipras auf.

          Doch hört Tsipras auf seine Deutschland-Beraterin? Es liegt in der Natur der Sache, dass Kaki Bali nichts Negatives über ihren Chef sagt. Aber sie klingt durchaus überzeugend, wenn sie ihren Arbeitgeber charakterisiert: „Beratungsresistent ist Tsipras nicht. Er kann zuhören. Er hört allen Leuten in seinem Stab zu. Er interessiert sich für die Meinung der anderen. Man kann mit ihm reden.“ Sie habe nicht das Gefühl, dass ihre Arbeit vergebens sei. Tsipras versuche stets, viele Meinungen zu einem Thema einzuholen. Dass er zuhöre, zeige sich an den Nachfragen, die er stellt, oft auch per E-Mail. Sie versuche, ihren Beitrag zu leisten, sagt Kaki Bali, die sich sichtlich unwohl dabei fühlt, über ihre eigene Person zu sprechen: „Das interessiert doch niemanden.“

          Höfliches Understatement

          Das ist freilich eine Selbstwahrnehmung, die in Deutschland nicht geteilt wird. Selbstverständlich interessieren sich deutsche Medien für die Frau, die Tsipras Deutschland erklären soll. Unlängst vertrat sie im ZDF bei Maybrit Illner die Position der griechischen Regierung, eingerahmt von den „Rettungskritikern“ Wolfgang Bosbach (CDU) und Hans-Werner Sinn. „Bosbach war sehr höflich“, erinnert sie sich. Über Sinn sagt sie nichts. Eigentlich wollte Kaki Bali nicht ins deutsche Fernsehen, doch in der Regierung sieht man es gern, wenn eloquente Leute aus den eigenen Reihen – obwohl Bali kein Parteimitglied ist – den Deutschen die Athener Position erklären.

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