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Kämpfe in Mazedonien : Tote bei Polizeieinsatz gegen Albaner

Mazedonische Polizisten in Kampfmontur in den Straßen von Kumanovo Bild: dpa

War es ein tödliches Ablenkungsmanöver der Regierungsparte? Ein Polizeieinsatz gegen angebliche albanische Terroristen in Mazedonien fordert viele Tote auf beiden Seiten und gibt Rätsel auf

          2 Min.

          Es war ein blutiges Wochenende für Mazedonien: Bei dem Einsatz einer schwer bewaffneten Sondereinheit der mazedonischen Polizei in der ethnisch gemischten Stadt Kumanovo gegen „eine sehr gefährliche Terrorgruppe“ wurden am Wochenende nach offiziellen Angaben bisher acht Polizisten und 14 Kämpfer getötet, wie das Innenministerium am Sonntagnachmittag mitteilte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zunächst war nicht einmal klar, gegen wen sich der Einsatz richtete. Am Samstag hallte stundenlang das Feuer automatischer Waffen durch die Stadt, gepanzerte Fahrzeuge fuhren auf, Rauchwolken waren zu sehen. Am Sonntag wurden die etwa 100.000 Einwohner der Gemeinde in der Nähe zum Kosovo und zu Serbien wieder durch Gewehrschüsse geweckt.

          Es war, als meldete sich der kriegerische Balkan der neunziger Jahre zurück. Das Innenministerium teilte mit, die Sondereinheit der „Tiger“ werde erst wieder abziehen, wenn der letzte „Terrorist“ endgültig „neutralisiert“ sei. Innenministerin Gordana Jankuloska behauptete, die „Terrorbande“ stamme „aus einem Nachbarland“ (gemeint war das Kosovo), sei schwer bewaffnet und habe Anschläge auf staatliche Einrichtungen in Mazedonien geplant.

          Etwa 20 Mitglieder der Bande seien lebend überwältigt, andere getötet worden. Wie es tatsächlich war, ist ungewiss. Die ersten Informationen zu dem Vorfall in Kumanovo blieben widersprüchlich. Gewiss ist nur die Nervosität in Skopje, Tirana, Prishtina und Belgrad, denn Kumanovo im Dreiländereck Serbien-Kosovo-Mazedonien befindet sich mitten in einer für den Balkan neuralgischen Region.

          Albanier trafen den Sarg eines am Wochenende bei Kämpfen in Kumanovo getöteten Polizei-Offiziers
          Albanier trafen den Sarg eines am Wochenende bei Kämpfen in Kumanovo getöteten Polizei-Offiziers : Bild: dpa

          Hier tobten im mazedonischen Beinahe-Bürgerkrieg von 2001 Kämpfe zwischen albanischen Freischärlern und mazedonischen Sicherheitskräften. Die Regierungen des Kosovos und Albaniens riefen am Sonntag zu Zurückhaltung auf, Serbien entsandte Truppen an seine Südwestgrenze. Einige Oppositionelle, Journalisten und Diplomaten in Skopje hegen die Vermutung, in Kumanovo verfolge die Regierung von Ministerpräsident Nikola Gruevski ein zynisches Ablenkungsmanöver.

          Gruevskis nationalistische Partei VMRO regiert in Koalition mit einem albanischen Juniorpartner namens „Demokratische Union für Integration“. Die Parteien haben das Land unter sich aufgeteilt. Gruevskis Partei kontrolliert die slawischen Teile, die „Union“ die albanischen, zu denen auch die Gegend um Kumanovo gehört.

          Nun sind Gruevski und andere VMRO-Politiker allerdings unfreiwillige Protagonisten des größten politischen Skandals, den Mazedonien seit seiner Staatswerdung 1991 erlebt hat. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Zoran Zaev ist in den Besitz abgehörter Telefongespräche von VMRO-Politikern gelangt, die systematischen Machtmissbrauch dokumentieren und die er auf bisher 30 Pressekonferenzen öffentlich abgespielt hat.

          Zaev behauptet, er habe das Material von einem patriotischen Mitarbeiter des mazedonischen Geheimdienstes erhalten. Der Agent des von einem Cousin Gruevskis kontrollierten Dienstes sei über die korrupten Praktiken der VMRO empört gewesen. Gruevski und seine Partei behaupten hingegen, ihre Gespräche seien „von einem ausländischen Geheimdienst“ abgehört worden, ohne je genauer zu werden.

          Zwar ist nicht alles auf den Aufnahmen so skandalös wie von Zaev angekündigt, doch in einer funktionierenden Demokratie hätten die Anschuldigungen längst zum Rücktritt der Regierung bis zur Klärung der Vorwürfe gereicht. Nachdem immer mehr Bänder an die Öffentlichkeit gerieten, warnten Kenner des Landes schon vor Wochen, die bedrängte Regierung könne versuchen, durch das Schüren gewaltsamer Zwischenfälle davon abzulenken und die Reihen hinter sich zu schließen. Ob das so ist, oder ob in Kumanovo tatsächlich Terroristen ihr Unwesen treiben, bleibt zu klären.

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