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Kämpfe in der Ukraine : Ein nicht erklärter Krieg

  • -Aktualisiert am

Petro Poroschenko im Kreis des ukrainischen Sicherheitsrats in Kiew Bild: AFP

Rückschläge im Kampf gegen die Separatisten und ihre russischen Kampfgenossen setzen den Präsidenten der Ukraine immer stärker unter Druck. 

          Noch vor wenigen Wochen meldeten die ukrainischen Streitkräfte fast täglich neue Erfolge. Sprecher der „Antiterroroperation“ verkündeten Geländegewinne. Städte und Dörfer wurden zurückerobert – „von Terroristen gereinigt“, wie es hieß. Ukrainische Flaggen wurden auf Verwaltungsgebäuden gehisst und Brückengeländer in den Farben des Landes gestrichen. Man habe die Separatisten von ihren Versorgungswegen abgeschnitten, hieß es Anfang August. Die Erstürmung der beiden belagerten Großstädte Donezk und Luhansk sollte schon kurz bevorstehen. Dann warfen nacheinander mehrere wichtige aus Russland kommende Führungspersönlichkeiten der bewaffneten Separatisten die Flinte ins Korn. Es sah so aus, als verließen sie das sinkende Schiff. Und es sah auch so aus, als ziehe sich der russische Präsident Wladimir Putin wie seine Kommandeure elegant aus dem Konflikt zurück, den er selbst mit Waffen und Personal am Leben gehalten hatte.

          Spätestens seit dieser Woche ist nun klar, dass Russland eine Niederlage der Separatisten offenbar nicht so einfach hinnehmen will und sich auch keine besondere Mühe mehr gibt, die Beteiligung eigener Soldaten zu verschleiern. Nach Angaben des ukrainischen Sicherheitsrates haben reguläre russische Truppen die Kleinstadt Nowoasowsk am Ufer des Asowschen Meeres sowie mehrere umliegende Dörfer eingenommen. Zwei schwere Panzerkolonnen sollen nach Nowoasowsk vorgerückt sein. Ukrainische Grenzschützer und Angehörige der Nationalgarde seien geflohen, um ihr Leben zu retten, hieß es in Kiew. Ein russischer Journalist der Moskauer Tageszeitung „Kommersant“, der die Einnahme der Stadt beobachtet haben will, berichtete am Donnerstag, die „Kräfte der Volksrepublik Donezk“ seien nicht auf Widerstand gestoßen. Ob es sich bei den Eroberern um russische Soldaten handelte, präzisiert er in seiner Reportage nicht. Allerdings zitiert er einen Vertreter der prorussischen Milizen vor Ort mit den Worten, die Grenze sei in beide Richtungen offen. Man lasse jeden durch, auch Flüchtlinge.

          Widersprüchliche Meldungen über russische Militärkolonnen, die nahe des Asowschen Meeres die Grenze überquert haben sollen, hatten schon seit Tagen für Unruhe gesorgt. Von einer neuen Front im Süden war die Rede. Am Donnerstag sprach nun auch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko davon, dass „russische Truppen ins Land gebracht“ worden seien. Als „Invasion“ wollte er das Geschehene nicht bezeichnen. Eine Nachrichtenagentur, die seine Äußerung mit diesem Wort übersetzt hatte, musste sich später korrigieren. Poroschenko sprach jedoch von einer „extremen Verschärfung“ der Situation in der Region Donezk, unter anderem in Amwrosijewka und Starobeschewo, wo nach Angaben des ukrainischen Militärs ebenfalls kleinere russische Militärkolonnen gesichtet worden sein sollen.

          Schlechte Nachrichten für die ukrainische Seite waren am Mittwoch schon aus dem Städtchen Ilowajsk, östlich von Donezk, gekommen. Separatisten erklärten, den Ort unter ihre Kontrolle gebracht zu haben. Der Kommandeur des auf Kiewer Seite kämpfenden Freiwilligenbattallions Donbass, Semjon Semjontschenko, schlug Alarm. Seine Männer seien umzingelt. Wenn Kiew keine Hilfe schicke, werde der Ort zum Massengrab. Ein Sprecher des ukrainischen Sicherheitsrates teilte mit, es sei Verstärkung unterwegs, doch die Kritik an der politischen Führung ist dadurch nicht verstummt. Mehrere Hundert Demonstranten zogen am Donnerstag erst vor das Gebäude des Verteidigungministeriums und anschließend vor den Sitz des Präsidenten in Kiew, um Hilfe für die freiwilligen Kämpfer einzufordern. „Rettet die Helden“, stand auf einem ihrer Plakate. Bereits am Mittwochabend hatten Hunderte mit derselben Forderung vor der Präsidialverwaltung demonstriert. Anschließend soll sich Poroschenko nach ukrainischen Medienberichten mit einer Delegation der Protestierenden getroffen und Hilfe versprochen haben.

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