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Julija Timoschenko im Gespräch : „Man darf dem Aggressor nicht geben, was er will“

Julija Timoschenko Bild: Alexander Tetschinski

Die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julija Timoschenko will die Ukraine „mit allen Mitteln vor der Aggression des Kreml verteidigen“. Das sagt sie im F.A.Z.-Interview und erklärt, wie der Westen auf Putins Politik reagieren sollte.

          3 Min.

          Frau Timoschenko, Russland hatte an den Grenzen der Ukraine in den vergangenen Wochen Zehntausende Soldaten zusammengezogen. Warum?

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diese militärische Aggression Russlands gegen die Ukraine kommt daher, dass der Führer Russland sich mit unserer europäischen Wahl nicht abfinden will. Die militärische Aggression, die Putin vom Zaun gebrochen hat, wird aber mit dem Territorium der Krim nicht aufhören. Er wird weitermachen – so weit, wie die internationale Gemeinschaft und das Volk der Ukraine ihm das erlauben werden.

          Was ist das Ziel dieser militärischen Machtentfaltung?

          Ich bin überzeugt, dass dies in einer militärischen Aggression gegen die Kontinentalukraine enden wird, um eine Landbrücke zwischen der Krim, Transnistrien, Moldau und der Südostukraine zu schaffen. Das ist Putins Plan zur Neuaufteilung der Welt und zur Schaffung eines neuen Imperiums. Wenn die Führer der westlichen Welt Putin nicht wirksam stoppen, wird er diesen Plan verwirklichen.

          Muss der Westen die Ukraine mit Ausrüstung, Waffen, vielleicht sogar mit Soldaten unterstützen?

          Ich möchte den Führern der EU und der Vereinigten Staaten für all das danken, was sie schon getan haben. Aber wie die Folgen gezeigt haben, war das nicht genug, um den Kreml zu stoppen. Ich glaube, wir müssen alle notwendigen Maßnahmen so fortsetzen, damit Russland eine Sache versteht: dass weitere Aggression für Russland selbst eine Gefahr ist. Wir müssen vor allem die finanziellen und ökonomischen Sanktionen schrittweise intensivieren.

          Bis jetzt haben diese Garantien offensichtlich nicht viel gebracht. Manche vergleichen die Haltung des Westens deshalb mit 1938, als die Welt es in München versäumte, Hitler seine Grenzen zu zeigen.

          Die führenden Länder der Welt müssen aus den historischen Ereignissen in Bezug auf die Tschechoslowakei im Jahre 1938 Schlüsse ziehen. Die Überlassung des Sudetenlands hat Hitler damals nicht gestoppt. Wer dem Aggressor alles gibt, was er will, wird ihn nicht aufhalten. Man muss aufhören, ihm alles zu geben, was er will.

          Hätte Ihr Land eine Chance, einen militärischen Konflikt mit Russland zu überstehen?

          Die Ukraine überprüft heute ihre Streitkräfte. Sie verstärkt auf jede mögliche Weise ihre Kampfkraft. Jeder Ukrainer ist heute bereit, die Grenzen der Ukraine mit der Waffe in der Hand zu schützen. Die Führer der demokratischen Welt müssen jetzt das Unmögliche möglich machen, um das Problem auf diplomatischem Weg zu lösen, um durch finanzielle und wirtschaftliche Sanktionen diese militärische Aggression gegen die Ukraine zu stoppen. Sonst werden Hunderttausende sterben, sonst werden wir in Europa wieder erleben, was Angst, Tod und Krieg bedeuten.

          Ist Ihr Land wirklich so vereint, wie Sie sagen? Gibt es im Süden und im Osten Ihres Landes nicht viele, die sich Russland verbunden fühlen?

          Das ist russische Propaganda. Meine ganze Familie lebt in der Ostukraine. Ich weiß, was meine Mutter über die russische Aggression empfindet. Die Leute haben Angst. Sie haben Angst vor einem Krieg, sie haben Angst, Flüchtlinge zu werden. Deshalb ist Putins Rückhalt in der Ukraine heute praktisch auf null gesunken – obwohl er hier früher ja zeitweise viel Unterstützung hatte. Putins Aggression hat die Ukraine geeint.

          Es wurde der Mitschnitt eines Telefonats veröffentlicht, in dem Sie zu sagen scheinen, Sie seien bereit, „eine Kalaschnikow zu nehmen und diesem Dreckskerl in die Stirn zu schießen“. Meinten Sie den russischen Präsidenten?

          Ich finde es schwer, private Gespräche zu kommentieren, die der russische Geheimdienst FSB gefälscht hat. Gleichzeitig aber betone ich, dass ich mit allen Mitteln versuchen werde, die Ukraine vor der Aggression des Kremls zu verteidigen. Heute träumt jeder Ukrainer, der machtlos die Aggression Putins miterleben muss, davon, das Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

          Sie haben versprochen, als Präsidentin einen „persönlichen Krieg gegen Oligarchen“ zu führen. In den neunziger Jahren sind Sie im Gasgeschäft selbst so etwas wie eine Oligarchin gewesen. Sind Sie die Richtige für diesen Kampf?

          Vor 17 Jahren habe ich verstanden, dass die Ukraine keine Zukunft hat, wenn das große Unternehmertum und die große Politik immer nur zusammen Geld machen wollen. Ich habe mich damals ein für allemal entschieden, die Geschäftswelt zu verlassen.

          Sie hatten damals engste Beziehungen zu Ministerpräsident Pawlo Lasarenko, der später in Amerika wegen Korruption ins Gefängnis gekommen ist.

          Es gibt Gerichtsentscheidungen in der Ukraine und in Amerika, die klar darlegen, dass die Vereinigten Energiesysteme, die ich damals führte, niemals Gesetze gebrochen haben. Auch das amerikanische Urteil zu Lasarenko bezieht sich in keinem einzigen Fall auf mein damaliges Unternehmen.

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