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Julija Timoschenko : Die dunkle Seite der Macht

Schmutzig, nicht nur vom Ruß der Schlote: In Donezk wurden große Vermögen gemacht, Konflikte regelte man mit Handgranate und Kalaschnikow. Bild: Filip Singer / Anzenberger

In der Ukraine muss sich die einstige Regierungschefin Julija Timoschenko nun auch noch wegen Mordes verantworten. Der Fall liegt gut 16 Jahre zurück, es ging um Gas und um viel Kohle.

          Sie waren eines der schillerndsten Paare im postsowjetischen Jetset. Jewhen Schtscherban - schlanke Figur, kantiges Gesicht, lässiger Dreitagebart - liebte Privatflugzeuge, und am Revers seiner smarten Anzüge trug er das Abzeichen eines Volksdeputierten im ukrainischen Parlament. Seine Frau Nadia Nikitina - Model-Typ, blondierte Hochfrisur, knallroter Lippenstift - kombinierte gewaltige Goldohrringe mit coolen Sonnenbrillen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als ihre dreistrahlige Jak-40 am 3. November 1996 um 12.15 Uhr auf dem Flughafen der ostukrainischen Grubenmetropole Donezk aufsetzte, kamen sie gerade aus Moskau, von der Geburtstagsparty des Sängers Josif Kobson - einer Legende der sowjetischen Schlagerparaden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie nur noch wenige Minuten zu leben. Als sie am Rollfeld zum Gepäckwagen gingen, hob ein Mann in der Uniform des Flughafenpersonals eine russische Pistole des Typs TT und schoss Jewhen Schtscherban zweimal in den Kopf.

          Höhepunkt eines Gangsterkrieges

          Fast gleichzeitig eröffnete ein zweiter Uniformierter Dauerfeuer aus einer Maschinenpistole der kroatischen Marke Agram-2000. Ein Flugtechniker brach sofort tot zusammen, Nadia Nikitina und ein weiteres Besatzungsmitglied starben kurz darauf. Jewhen Schtscherbans Sohn Ruslan, der so nah bei seinem Vater gestanden hatte, dass er die Gesichter der Mörder erkennen konnte, überlebte unverletzt, die Täter fuhren in einem gestohlenen Lada Samara vom Rollfeld.

          Der Mord von Donezk, der Hauptstadt des ostukrainischen Kohle- und Stahlreviers Donbass, war Höhepunkt und Abschluss eines jener Gangsterkriege, wie sie damals überall in den Trümmern der zerfallenen Sowjetunion tobten. Die Privatisierung der noch von Stalin aus dem Steppenboden gestampften Stahlwerke und Zechen wurde mit Handgranate und Kalaschnikow geregelt. Die Toten verschwanden in den Schächten, und als man zehn Jahre später einmal eine Abraumhalde umgrub, fand man in der Schlacke nicht weniger als dreißig Leichname.

          Ermordet: Nikitina und ihr Mann Schtscherban

          Jewhen Schtscherban war die letzte große „Autorität“ des Donbass, die in diesem Krieg verblutete. Nach seinem Tod kehrte Stille ein, unter den Überlebenden stabilisierte sich eine bleibende Hierarchie mit dem bis heute alles beherrschenden Milliardär Rinat Achmetow an der Spitze. Der Mord vom Rollfeld aber wurde nie aufgeklärt. Acht Tatbeteiligte wurden zwar von einem ukrainischen Gericht im Jahr 2003 zu Gefängnisstrafen verurteilt, andere starben rätselhafte Tode, aber den Auftraggebern kam die Justiz nie auf die Spur.

          Bis zu Beginn dieses Jahres Bewegung in den Fall kam. Am 18. Januar erschien offizieller Besuch in der Zelle der berühmtesten Strafgefangenen der Ukraine, der unter dem Protest der westlichen Welt zu sieben Jahren Haft verurteilten Oppositionsführerin Julija Timoschenko - die Generalstaatsanwaltschaft. Timoschenko, so teilten die Beamten mit, stehe nunmehr offiziell im Verdacht, zusammen mit dem seinerzeitigen Ministerpräsidenten der Ukraine, Pawlo Lasarenko, den Mord an Schtscherban in Auftrag gegeben zu haben.

          Ein Duo, das man kannte

          Der Frau, die 2004 mit ihrem vergoldeten Haarkranz die Jeanne d’Arc der demokratischen „Revolution in Orange“ war, der Volkstribunin, der es damals gelang, den heutigen Präsidenten Viktor Janukowitsch für fünf Jahre von der Macht zu verdrängen und zweimal das Amt der Ministerpräsidentin zu gewinnen, droht damit lebenslange Haft. Die Anklage greift zurück auf die neunziger Jahre. Julija Timoschenko, damals noch brünett, Mitte dreißig und auffallend schön, und der jetzt als ihr Mittäter beschriebene Ministerpräsident Lasarenko, ein bulliger Machtmensch, waren wie der ermordete Schtscherban und seine Frau ein Duo, das man kannte.

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