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Jüdischer Weltkongress in Ungarn : Ein Boot, zwei Waagen

Jedes Wort auf der Goldwaage: der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban in Budapest Bild: AFP

Die Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán auf dem Jüdischen Weltkongress wird von westlicher Seite abgelehnt und von ungarischer begrüßt. Dankbar wird Guido Westerwelle empfangen.

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          Am meisten Zustimmung erhielt Viktor Orbán noch, als er die Teilnehmer mit einem „Schalom“ willkommen hieß. Da kam ein spontaner Beifall bei den fast 500 Teilnehmern auf, die sich zu der Jahrestagung des Jüdischen Weltkongresses (WJC) nach Budapest aufgemacht hatten. Doch schon bei den nächsten Worten des ungarischen Ministerpräsidenten, der die Versammlung am Sonntagabend mit einem Grußwort bedachte, blickten einige der Delegierten fragend einander an. „Alle, die an unsere Türe klopfen, haben ein Recht auf Gastfreundschaft“, sagte Orbán. „Ungarn ist ein freies Land.“ Sitznachbarn zischelten einander zu: Haben wir geklopft oder um eine Gunst gebeten? Schon da war klar, dass das Publikum jedes Wort des Gastredners auf eine sehr feine Goldwaage gelegt werden würde. Und am Ende sollten die meisten der Delegierten aus aller Welt, besonders die aus den westlichen europäischen Gemeinden, die gewogenen Worte für zu leicht befinden.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Umso dankbarer war das Publikum für einen weiteren Gastredner. Guido Westerwelle wurde am Montag als ein Freund Israels, „wie man ihn besser nicht finden kann“, begrüßt und mit „standing ovations“ verabschiedet. Dazwischen hatte der deutsche Außenminister eine ausgesprochen staatsmännische Rede über die in der ganzen EU geltenden Werte von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, die feste Solidarität Deutschlands mit Israel und sein eigenes, persönliches Verständnis für das verletzliche Land von der Größe Hessens, seine Hoffnungen und Sorgen bezüglich des verblühenden arabischen Frühlings und eine gleichwohl bestehende „historische Chance“ Israels auf ein Auskommen mit sich wandelnden arabischen Nachbarn gesprochen.

          Statuen für „Reichsverweser“ Horthy

          Zu Ungarn und der europäischen Kritik an der Regierung Orbán machte Westerwelle nur Andeutungen, auch später, bei Stellungnahmen nach seinen Gesprächen mit dem Ministerpräsidenten und mit seinem Außenminister-Kollegen. Europa sei mehr als ein Binnenmarkt; Investoren brauchten Sicherheit; Antisemitismus habe nirgends Platz, weder in Berlin, noch in Budapest oder sonstwo in Europa. Ansonsten hielt Westerwelle sich bedeckt: Er wolle Probleme lösen, nicht vergrößern.

          Der WJC, Dachverband der jüdischen Gemeinden in der Welt, pflegt seine Versammlungen alle vier Jahre in Israel abzuhalten, oder in den Vereinigten Staaten. Dass es diesmal anders war und man nach Ungarn einlud, wurde damit begründet, dass man ein Zeichen des Protestes und der Solidarität gegen wachsenden Antisemitismus in diesem Land und überhaupt in Mittel- und Osteuropa setzen wolle. Der Präsident des WJC, Ronald S. Lauder, zählte ein paar einschlägige Ereignisse auf. So wurde erst vor einer Woche Ferenc Orosz, Vorsitzender der Wallenberg-Gesellschaft, beim Zuschauen eines Fußballspiels von „Sieg Heil“-brüllenden Männern blutig geschlagen; ein antisemitischer Moderator erhielt eine staatliche Auszeichnung (die später als „Versehen“ wieder zurückgezogen wurde); eine offen antisemitische rechtsextreme Partei, Jobbik („die Besseren“), sitzt mit 17 Prozent im Parlament; im Land werden Statuen für den „Reichsverweser“ Miklos Horthy errichtet, unter dessen Regime in den zwanziger und dreißiger Jahren die ersten Anti-Juden-Gesetze Europas erlassen wurden. Schließlich erwähnte Lauder Orbáns Parteifreund Zsolt Bayer, einen Publizisten, der im vergangenen Jahr mit einem menschenverachtenden Text über Roma international Kritik hervorgerufen hatte.

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