https://www.faz.net/-gq5-8bgpc

Jahrespressekonferenz im Kreml : Putins Töchter, Putins Truppen

„In guter sportlicher Form“: Wladimir Putin wird auf seiner Pressekonferenz umschwärmt. Bild: AP

Aus der jährlichen Pressekonferenz des russischen Präsidenten kann man viel über ihn und sein Land erfahren. Wladimir Putin nimmt Huldigungen entgegen. Und sucht die Konfrontation.

          2 Min.

          Bevor die junge Journalistin aus der Provinz zu ihrer eigentlichen Frage kommt – es geht um die Förderung der Landwirtschaft –, will sie etwas loswerden: „Als Frau kann ich gar nicht anders, als unserem Präsidenten ein großes Kompliment dafür zu machen, dass er in so guter sportlicher Form ist. Unsere Jungs vergleichen sich mit Ihnen.“ Wladimir Putin lächelt und unterbricht sie: „Und das ohne Doping.“

          Reinhard Veser
          (rve.), Politik

          Aus der jährlichen Pressekonferenz des russischen Präsidenten kann man viel über ihn und sein Land erfahren. Sie ist eine Show, die mehr als nur ein Frage-Antwort-Spiel zwischen Journalisten und Politiker ist. Bei dieser Show stellt sich Putin nicht nur den routiniert vorgetragenen Fragen jener Moskauer Journalisten, die ständig aus dem Kreml berichten. Er nimmt Huldigungen und Neujahrsgrüße entgegen, lobt das soziale Engagement von Bürgern, verspricht, sich um die bisher verschleppte Untersuchung eines Verkehrsunfalls zu kümmern, bei dem eine Frau von einem Grenzschützer schwer verletzt wurde: „Eine Uniform darf nicht von der Verantwortung befreien.“

          Und er sucht die Konfrontation. Als er einen ukrainischen Journalisten entdeckt, unterbricht er seinen Sprecher, der gerade der russischen Nachrichtenagentur Interfax das Wort geben will: „Entschuldige, da ist die Ukraine, unsere brüderliche Republik.“ Es wirkt, als habe er auf den Vorwurf gewartet, in der Ostukraine seien russische Truppen: „Wir haben nie gesagt, dass dort keine Leute sind, die sich mit der Lösung bestimmter Fragen befassen, auch in der militärischen Sphäre. Aber das heißt nicht, dass dort reguläre russische Truppen sind. Fühlen Sie den Unterschied!“

          Themen, die sonst in den staatlichen russischen Medien Tabu sind, dürfen bei dem live von den großen Fernseh- und Radiosendern übertragenen Auftritt angesprochen werden. Putin wird gefragt, ob die junge Frau, die an der Universität Moskau ein mit viel Geld ausgestattetes Projekt leitet, seine Tochter sei, so wie es westliche Medien behaupteten. Er habe „zu verschiedenen Zeiten verschiedene Dinge“ über seine Töchter gelesen, antwortet er. Zum Glück werde jetzt wenigstens wahrheitsgemäß geschrieben, dass sie nie im Ausland studiert und gearbeitet hätten. Konkreter wird er nicht: „Ich bin stolz auf sie. Sie leben ihr eigenes Leben und machen das sehr anständig.“

          Der Nachwuchs mächtiger Männer ist in Russland ein heikles politisches Thema: Nach Recherchen des Oppositionspolitikers Alexej Nawalnyj sind die Söhne des Generalstaatsanwalts Jurij Tschajka in kriminelle Geschäfte verwickelt, und die seit Wochen andauernden Proteste der Fernfahrer gegen die Einführung einer Maut haben auch deshalb ein solches Ausmaß angenommen, weil mit der Einziehung der Maut eine Firma beauftragt wurde, die teilweise dem Sohn von Putins Jugendfreund Arkadij Rotenberg gehört. „Haben Sie solche Ergebnisse erwartet, als Sie im Jahr 2000 an die Macht gekommen sind?“, fragt eine Journalistin eines kremlkritischen Internetportals, die in diesen Fällen ein „System“ sieht. „Solche Randerscheinungen, wie die, über die sie gesprochen haben, sind praktisch überall möglich“, sagt Putin – lobt aber, es sei gut, dass die Medien auf solche Fälle hinwiesen. So etwas werde von der Präsidialverwaltung genau untersucht. „Ich würde lieber nicht darüber reden, aber das heißt nicht, dass wir uns damit nicht befassen.“

          Den größten Raum nehmen wirtschaftliche und soziale Fragen ein – aus gutem Grund: Vergangenes Jahr hat Putin auf seiner Pressekonferenz gesagt, Russland sei schon auf dem Weg aus der Krise, in einem, spätestens zwei Jahren habe man sie überwunden. Nun ist die Lage noch schlechter, und er muss sich rechtfertigen. Er zitiert lange Reihen von Wirtschaftsindikatoren, die in die richtige Richtung zeigten – aber der Kern seiner Ausführung steckt in dem „uralten, bemoosten Witz“, mit dem er begonnen hat:

          „Fragt ein Freund den anderen: ,Wie geht es?‘ – ,Mal so, mal so – mal schwarz, mal weiß.‘ – ,Und jetzt?‘ – ,Jetzt ist es schwarz‘.“ Ein halbes Jahr später treffen sich die beiden wieder, und wieder ist die Stimmung schwarz: „‘Aber es war doch damals schon schwarz.‘ – ,Nein, es hat sich erwiesen, dass es damals noch weiß war.‘ Ungefähr so ist die Lage bei uns.“

          Jährliche Pressekonferenz : Putin nennt Abschuss „feindlichen Akt"

          Weitere Themen

          Immer Ärger mit Russland

          EU-Außenministertreffen : Immer Ärger mit Russland

          Putin hat eine Liste „unfreundlicher Staaten“ in Auftrag gegeben, deren Botschaften Moskau einschränken könnte. Die EU will sich von den Provokationen nicht spalten lassen. Doch was kann sie tun?

          Hackerangriff legt Pipeline in den USA lahm Video-Seite öffnen

          Erpressungstrojaner : Hackerangriff legt Pipeline in den USA lahm

          Die größte Pipeline der USA ist kürzlich Ziel eines Hackerangriffs geworden. Ein Erpressungstrojaner hat das gesamte Rohrleitungsnetz von Texas bis New York vorübergehend stillgelegt. Die US-Bundespolizei FBI macht eine Hackergruppe namens Darkside für den Cyberangriff verantwortlich.

          „Das Monster ist erwacht“

          Neun Tote in russischer Schule : „Das Monster ist erwacht“

          In Kasan hat am Dienstagmorgen ein junger Mann in seiner ehemaligen Schule um sich geschossen und neun Menschen getötet. Die Waffe soll er legal erworben haben, Präsident Putin ordnete eine Verschärfung der Regeln an.

          Topmeldungen

          Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

          Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

          Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.

          Cyberattacke auf Pipeline : Erpressung in Arbeitsteilung

          Der Hacker-Angriff auf eine amerikanische Pipeline zeigt: Cyberkriminelle professionalisieren ihre Geschäftsmodelle. Sie investieren in Software und Öffentlichkeitsarbeit.
          Polizisten 2005 während Unruhen in der Banlieue Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Vorausgegangen war der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag in einer Trafostation ums Leben kamen.

          Verrohung in Frankreich : „Die Republik zerlegt sich“

          Ehemalige französische Generäle warnen vor islamischen „Horden in der Banlieue“ und einem Bürgerkrieg. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt im Interview, was in seinem Land im Argen liegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.