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Italien nach dem Anschlagsversuch : Woge der Verzweiflung

  • -Aktualisiert am

Spurensicherung in Rom: Beamte vor dem Palazzo Chigi Bild: dpa

Italien und der Anschlag vom Sonntag: Der Schütze vor dem Palazzo Chigi war offenbar ein Einzeltäter. Er wollte einen Politiker erschießen und dann sich selbst umbringen, sagte er im Verhör. Es ist nicht die erste derartige Tat eines Verzweifelten.

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          Der bürgerfreundliche Anfang der italienischen Koalition in Rom hielt etwa ein halbe Stunde an. In dieser Frist konnte die designierte Justizministern Anna Maria Cancellierei mit ihren beiden Enkeln an der Hand zu Fuß zu ihrer Vereidigung in den Palast des Präsidenten gehen, fuhr am Sonntagmittag die zukünftige Außenministerin Emma Bonino im Taxi vor, und Kulturminister Massimo Bray lenkte seinen Kleinwagen in den Hof des Quirinals. Dann aber schoss der 49 Jahre alte Kalabreser Luigi Preiti zwei Carabinieri vor dem nahen Sitz des Ministerpräsidenten zu Boden, verletzte einen von ihnen lebensgefährlich; und der frisch vereidigte Innenminister Angelino Alfano ordnete an, alle Minister und Staatssekretäre müssten wieder mit Eskorte und Blaulicht gefahren werden. Zugleich begann eine Debatte zur politischen Verantwortung für den Anschlag, die Erzbischof Angelo Bagnasco, Chef der italienischen Bischofskonferenz, mit den Worten begleitete, dieser Anschlag sei „die große Mahnung an die Welt der Politik“, ein „Ausdruck von Verzweiflung“.

          Offenbar ein Einzeltäter

          Preiti ist offenbar ein Einzeltäter und gehört nicht zu einer terroristischen Gruppe. Der Fliesenleger sagte beim Verhör: „Ich wollte einen Politiker erschießen und mich dann selbst umbringen.“ Das plane er schon seit zwei Wochen: „Ich hatte die Arbeit verloren und sah, wie Politiker uns berauben, essen und trinken“, während er selbst gezwungen sei, mit bald 50 Jahren wieder zu den Eltern zu ziehen. „Das ist falsch, das ist nicht gerecht. Ich wollte etwas Spektakuläres tun.“ Sein Bruder stellte den Schützen als „normalen, aber depressiven Menschen“ dar. Preitis frühere Frau lobte, wie der Täter sich für den gemeinsamen Sohn einsetze, und ein Psychologe wurde mit dem Satz zitiert, hier sei ein Mensch durch mehrere Schläge betroffen, sehe sich seiner Würde beraubt und habe aus Wut und Scham zum Äußersten gegriffen.

          Preitis Anschlag ist nicht die erste Gewalttat dieser Art seit Beginn der Rezession in Italien. Anfang März eröffnete ein in die Pleite gehender Kleinunternehmer in Perugia das Feuer auf Regionalbeamte und erschoss sich dann selbst. Die Presse berichtet von etwa einem Dutzend ähnlicher Vorfälle in den vergangenen Monaten. Italien debattiert mithin über eine Woge von Verzweiflungstaten. Während der neue Ministerpräsident Enrico Letta die verletzten Polizisten in der Klinik besuchte, sagte die junge Abgeordnete Laura Castelli von der „Bewegung 5 Sterne“ (B5S), das Zusammenturteln der um ihre Macht bangenden Politiker in der großen Koalition sei schuld am Anschlag. „Die Politik hat bei den Menschen völlig ihre Legitimation verloren.“ Vittorio Bertola von derselben Bewegung aus dem Stadtrat in Turin äußerte, das Problem sei weniger die einzelne Tat, als „dass es einige Millionen Italiener gibt, die jetzt bedauern, dass es nicht einen Minister traf“. Da rief der Chef der Bewegung Beppe Grillo seine Leute zur Ordnung: Es gebe nichts, was Gewalt rechtfertigen könne. „Die B5S ist absolut gegen Gewalt“, schrieb er im Internet.

          Dennoch meldeten sich weiter von Links wie Rechts Stimmen, die der B5S vorwerfen, ihre „Totalopposition gegen die Politik“ stärke eine militante Stimmung. Doch auch die anderen Parteiführer wollen wie Grillo Ruhe. Staatspräsident Giorgio Napolitano riet zur Umsicht, Silvio Berlusconi vom „Volk der Freiheit“ rief zur innenpolitischen Versöhnung auf und ist jetzt gegen jede Hasskampagne. Ministerpräsident Letta sagte: „Jeder in der Regierung muss nun arbeiten und alles dafür tun, dass Italien aus der Krise findet.“

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