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Nordirland : Mord am Karfreitag

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Ausgerechnet am Karfreitag, ausgerechnet im Westen Belfasts: Ein Mord erinnert an die blutige Vergangenheit Bild: AFP

Mit dem Karfreitagsabkommen 1998 kehrte in Nordirland weitgehend Ruhe ein. Nun erinnert ein Mord ausgerechnet am symbolträchtigen Karfreitag daran, dass der Friedensprozess noch nicht beendet ist. Am Samstag gab es eine erste Festnahme.

          Die Tat weckt schlimme Erinnerungen. Ein Mord am helllichten Tag, ohne Angst vor Zeugen, mehrere Schüsse auf einen Mann. Ein Priester betet am Tatort, einem Industriegebiet. In der Nähe brennt ein Auto aus. Ausgerechnet am Karfreitag, ausgerechnet im Westen Belfasts. In einem Stadtviertel, in dem einst erbitterte Straßenkämpfe tobten zwischen republikanischen Katholiken und pro-britischen Protestanten.

          Das Karfreitagsabkommen beendete das Blutvergießen 1998 - weitgehend. Denn der Mord an einer früheren Leitfigur einer IRA-Splittergruppe zeigt, dass der Nordirland-Konflikt auch 16 Jahre später noch Menschenleben kostet.

          Allerdings waren es vermutlich Täter aus dem ehemaligen eigenen Lager, die den Katholiken Tommy Crossan am Karfreitag erschossen haben. Der 43-Jährige hatte der Continuity IRA (CIRA) angehört und jahrelang in einem Hochsicherheitsgefängnis gesessen, weil er an einem Anschlag mit mehreren Toten auf eine Polizeiwache beteiligt gewesen war. Nachdem er die CIRA verlassen hatte, drohten ihm ehemalige Gefährten mit dem Tod. Ob der 26-Jährige, der am Samstag nicht weit vom Tatort entfernt festgenommen wurde, zu der Gruppe gehört, müssen die Verhöre zeigen.

          Politiker verurteilten die Tat umgehend. Die Terroristen dürften Nordirland nicht in die „dunklen Tage der Vergangenheit“ zurückwerfen, sagte Regierungschef Peter Robinson von der Democratic Unionist Party (DUP). Sein Vize Martin McGuinness, ehemaliger IRA-Führungskader und Mitglied der republikanischen Sinn Féin, ergänzte: „Der Friedensprozess steht felsenfest und alle klardenkenden Menschen quer durch die Gesellschaft lehnen die Taten der Leute ab, die hinter diesem Mord stecken.“

          Der Friedensprozess ist tatsächlich weit gediehen. Die Zeit der blutigen Straßenkämpfe und Anschläge, die über drei Jahrzehnte 3500 Menschenleben kosteten, ist vorbei. 2010 erklärte die IRA den bewaffneten Konflikt für beendet. Martin McGuinness reichte 2012 der Queen die Hand und war erst vor kurzem zum Staatsbankett auf Schloss Windsor zu Gast.

          „Arbeitslosigkeit, Misstrauen und Isolation“

          Andererseits löste die Entscheidung des Belfaster Stadtrats im Dezember 2012, nicht mehr täglich die britische Flagge über dem Rathaus wehen zu lassen, wochenlange Krawalle aus. Belfast bleibt eine geteilte Stadt. Die bis zu acht Meter hohen „Peace walls“ (Friedensmauern) sind heute zwar eine Touristenattraktion, trennen aber immer noch protestantische und katholische Wohnbezirke.

          Und Splittergruppen wie die CIRA machen sich immer noch bemerkbar - etwa mit einem Polizistenmord 2009. Dass sie zersplittert und in Macht- und Grabenkämpfe verstrickt sind, macht sie für Nordirlands Gesellschaft nicht ungefährlich.

          „Dinosaurier, die in der Vergangenheit feststecken“, nennt Belfasts Oberbürgermeister Máirtín Ó Muilleoir (Sinn Féin) die Mörder vom Karfreitag. Der 26-Jährige, der nun verhört wird, war bei der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens gerade mal zehn Jahre alt. Es sind nicht vorrangig die alten Kämpfer der 70er und 80er Jahre, die den Konflikt am Schwelen halten.

          „Die Gewalt gibt es weiterhin, vor allem unter jungen Leuten in bestimmten „Grenz“-Gebieten und in Gemeinden mit einer Geschichte tiefergehender Spaltung, paramilitärischem Einfluss, hoher Arbeitslosigkeit, Misstrauen und Isolation“, schrieb Barry Fennell von der Friedensinitiative Co-operation Ireland im Dezember.

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