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Inszenierung der Macht : Putin und die Tiere

  • -Aktualisiert am

So spielen echte Russen: Putin mit zwei Hunden im Schnee vor Moskau. Bild: Reuters

Kuscheln mit Leoparden, Fliegen mit Kranichen, und der eigene Hund flößt gastierenden Politikern Angst ein: Wladimir Putin zeigt sich ständig mit Tieren. Doch wen will er damit beeindrucken?

          Kürzlich erhielt Wladimir Putin ein seltsames Paket. Darin waren Dosen mit Kügelchen aus Seetang. Außerdem ein Brief: Russland solle bitte keinen Kaviar aus Stör-Eiern mehr verkaufen, sondern vollständig auf die pflanzliche Variante aus Seetang umsteigen. Die Kostproben im Paket bewiesen, wie „köstlich“ dieser Veggie-Kaviar sei.

          Absender war die Tierschutzorganisation Peta. Im Internet teilte sie mit, sie appelliere mit dem Geschenk an das Mitgefühl Putins mit Meerestieren. Das habe er ja schon bei anderer Gelegenheit bewiesen. Es war nicht der typische „Sie müssen endlich“-Brief. Er klang eher nach „Sie wissen schon“. Wladimir Putin, 62, Tierschutzaktivist?

          Das ist eine der zwei üblichen Deutungen von Putins Verhältnis zu Tieren: der einsame Präsident, misstrauisch gegenüber den Menschen, nur ganz er selbst, wenn er Tiere streichelt oder ihnen fachkundig hilft, denn die Tiere fragen nicht nach der Krim und lieben voraussetzungslos. Sülz. Die andere Deutung ist, dass Putin seine Begegnungen mit Tieren kalt benutzt, um sich öffentlich irgendwie darzustellen: lieb, stark, mutig, besorgt, fürsorglich. Kreisch. So jedenfalls die Reaktionen im Westen, wenn Putin mal wieder mit einem angeblich unfassbar wilden Tiger posiert hat und sich dann herausstellt, dass der extra zu diesem Zweck aus einem Zoo herangekarrt wurde. Oft heißt es dann, Putin mache sich lächerlich mit seinem Naturburschen-Gehabe.

          Was gefällt Putin an den Tieren?

          Beide Deutungen sind falsch. Sie ignorieren, dass Putin der Präsident von Russland ist, und „Russland“ kann man erst mal frei übersetzen mit „andere Menschen und Tiere als in Deutschland“. Man hat dort zum Beispiel über 100.000 Braunbären und nicht, wie bei uns, einen einsamen Problembär, den das Volk beim Vornamen nennt und sicherheitshalber schon vor Jahren erschossen hat.

          Russische Frauen tragen Pelze und keine Stoffbeutel mit WWF-Panda-Aufdruck. Russische Haustiere haben oft einen Nutzen, der anders als bei unseren darüber hinausgeht, seidig glänzend in der Gegend herumzuliegen und gelegentlich Feinkost zu fressen. Das also ist Russland, und dazu passt Putins Verhältnis zu Tieren. Der Häuptling „Sitting Bull“, nur so als Beispiel, hätte sich wahrscheinlich auch anders genannt und keine Adlerfedern als Kopfschmuck getragen, wenn er in Washington gelebt hätte und nicht in der Prärie von North Dakota. Also, was gefällt Putin an den Tieren? Die Antwort lautet: ihre Unbeirrbarkeit.

          Eisbein statt Seetang

          Das klingt erst mal pathetisch, ist es aber nicht. Die meisten Tiere grübeln nun einmal weniger als die meisten Menschen, und das ist für die Tiere nicht nur schlecht. Menschen überall auf der Welt versuchen es sich abzuschauen (ja, auch in Deutschland, zum Beispiel in den Führungskräfte-Seminaren „Führen mit den Sinnen der Pferde“ oder auch „Coached by dogs: Authentisch führen“, „Eselbegegnung“ oder „Leadership-Training mit Lamas“, das alles gibt es wirklich). Aber während sich deutsche Führungskräfte das Wesen von Lamas zum Vorbild nehmen, interessiert Putin sich für kämpferische Tiere. Die ängstlichen sind ihm egal. So wie die ängstlichen Menschen.

          Dazu erzählt Putin gern eine Geschichte. Immer, wenn er etwas Neues vorhabe, gebe es Mitarbeiter, die ihn davon abhalten wollten: zu gefährlich, zu riskant. Er erinnere sie dann an ein Märchen des russischen Schriftstellers Michail Saltykow-Schtschedrin. Ein furchtsamer Gründling lebt in einer Höhle und will am liebsten nie dort weg, aus Angst, dass ihm etwas zustößt. Doch am Ende frisst ihn gerade in dieser Höhle ein Hecht. In Russland ist dieses Märchen bekannt, der Gründling steht für kleinliche Bedenkenträger, der Hecht eben für einen tollen Hecht - oder jedenfalls für einen, der frisst und nicht stirbt. Putin mag den Hecht.

          Tiere, deren Bestimmung das Gefressenwerden ist, interessieren ihn folgerichtig kaum. Mastschweine zum Beispiel sind für ihn bloß heranwachsende Braten. Der deutsche Schlachter-Zar Clemens Tönnies (17 Millionen geschlachtete Schweine 2014) erzählt, dass er zu Treffen mit dem russischen Präsidenten üblicherweise zwei Sporttaschen mitbringe: darin Eisbein. Putin liebe Eisbein. Komme der Deutsche rein und habe die Taschen nicht dabei, frage Putin sofort: „Wo ist das Eisbein?“ Nicht: „Wo kriegen wir jetzt Eisbein aus Seetang her?“

          Große Gemeinsamkeit zwischen Tier und Mensch – Adjektive

          Putins Tierliebe ist aber kein hohler Raubtierkult, der nur auf Supergefährlichkeit schaut. Ob ein Tier kämpferisch ist, bemisst sich ja nicht an der Krallenlänge. Sogar eine Petersburger Vorstadtratte kann ein Vorbild sein für den Präsidenten der Russischen Föderation. In seiner Autobiographie schreibt er davon. Als Kind jagte er mit seinen Freunden Ratten, die im Hausflur lebten. „Einmal entdeckte ich eine riesige Ratte und begann mit der Verfolgung, bis ich sie in die Ecke getrieben hatte. Nun konnte sie nicht mehr entkommen. Da bäumte sie sich plötzlich auf und ging auf mich los. Das geschah völlig unerwartet, und ich war einen kurzen Moment geschockt. Jetzt hatte sie den Spieß umgedreht und jagte mich!“

          Die Ratte war eben ein harter Krieger. Ihre Angst machte sie stark, nicht schwach. Zwar konnte sie den kleinen Putin nicht totbeißen, was sie sicherlich gern getan hätte, aber immerhin schlug sie ihn in die Flucht. Das gelingt heutzutage nicht mal ausgewachsenen Menschen. Nun ist Politik kein Todeskampf im Treppenhaus und eine Ratte kein Diplomat. Aber Angst bleibt Angst und Todesmut Todesmut. Das ist der Grund dafür, dass sich die Charaktereigenschaften von Tieren mit den gleichen Wörtern beschreiben lassen wie die von Menschen. Zum Beispiel Hunde: zäh, stark, gemein.

          Berühmter als Merkels Ehemann

          So hat Putin einmal seine Hündin Koni beschrieben, als er bei George W. Bush zu Besuch war. Genauer gesagt, informierte er den amerikanischen Präsidenten darüber, dass Koni „zäher, stärker und gemeiner“ sei als dessen Scottish Terrier Barney. Die Amerikaner fanden das nur so halb lustig, und lustiger war es auch nicht gemeint. Dass Koni zäh und stark ist, glaubt man sofort, wenn man sie sieht: so groß wie ein kleines Pony und pechschwarz.

          Koni ist der Hund auf den Fotos, die jeder kennt: Kreml 2007, Putin und Merkel in Sesseln, Merkel sichtlich eingeschüchtert von dem Riesenhund, Putin mit dem Grinsen eines Bond-Bösewichts. Er spricht über Koni wie andere Menschen über einen Freund. Koni gebe ihm manchmal einen guten Rat, wenn er sich schlecht fühle. Koni mache ihm Sorgen, wenn sie sich ungesund ernähre (durch Kekse aus Journalistenhand). Koni, nein, Friedrich der Große habe gesagt, je mehr er die Menschen kennenlerne, desto mehr liebe er die Hunde.

          Einmal wollte Putin sich zum Petersburger Wirtschaftsforum anmelden. Die Veranstalter baten ihn um ein Foto für seinen Teilnehmerausweis. Putins Mitarbeiter schickten ein Foto von Putin mit Koni. Konis Wikipedia-Eintrag ist länger als der von Joachim Sauer.

          Obamas Hund ist ein hundgewordener Witz

          Hat das alles etwas zu bedeuten? Ja. Putins Hund ist nicht niedlich, sondern krass. Nur zum Vergleich: Barack Obamas Hund Bo sieht aus wie ein schwarzes Lamm, das gerade aus der Waschanlage kommt. Sein dünnes Schwänzchen endet in einer absurd puscheligen Quaste, und sein Maul steht meist offen zu einem freundlichen Hecheln. Er ist ein hundgewordener Witz, und er ist wirklich süß, aber für Putin müssen Tiere Ernsthaftigkeit haben.

          Einmal schenkte ihm der bulgarische Ministerpräsident einen Welpen. Doch das flauschige Tier entzückte Putin kaum, denn bis auf „Sitz machen“ war es zu keinerlei Tricks imstande und saß bloß fluffig wie der Bommel auf einer Wintermütze. Putin gab mit Bedauern zu Protokoll, dass der Hund leider noch „nichts“ könne. Auch die zwei Pudel seiner Exfrau kümmerten ihn wenig. Frauenhunde eben.

          Putin sieht sich eher als Mann. Weltweit hat er schon viel Häme dafür geerntet, Männersachen zu machen, zum Beispiel mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd durch Südsibirien zu reiten, was jedenfalls keine typische Frauensache ist. Er stieg mit einem Drachenflieger in die Lüfte, um sibirischen Weißkranichen voranzufliegen, er angelte einen Riesenhecht, er streichelte einen Riesenelch, er kuschelte mit einem Leoparden und so weiter.

          „Wir haben unterschiedliche Werte und Verbündete.“

          Von allem gibt es Fotos, weil Putin Fotografen dazugeholt hat. Aber nicht, um Theater zu spielen. Natürlich ist es Show, wenn Putin Zootiger anliefern lässt, die dann wilde Tiere spielen sollen - aber eine echte Egoshow. Putin will der Mann mit den wilden Tieren sein, weil er wilde Tiere toll findet und sich selbst zusammen mit ihnen erst recht. Da ist er nicht der Einzige.

          Das Bild mit Putin und dem Leoparden schnappte sich letztes Jahr im Sommer der russische Vizepremier Rogosin. Er schnitt es zusammen mit einem Foto von Obama, der einen weißen Pudel im Arm hält, und twitterte es. Überschrift: „Wir haben unterschiedliche Werte und Verbündete.“ Ein Satz von zeitloser Gültigkeit.

          Die Rechnung ist natürlich ein bisschen sehr einfach: Partner Leopard macht gefährlich, Partner Pudel macht pudelig. Aber russische Politiker neigen bei der Inszenierung ihrer Männlichkeit nun einmal weniger zur Subtilität als Deutsche, die zu diesem Zweck nur nonchalant den Mittelfinger rausstrecken oder sich neues Haupthaar drauftackern.

          Wichtiges kann man von der Natur lernen

          Putins Auftritte mit Tieren sind dazu angetan, ihn selbst und andere Russen zu erfreuen, nicht seine deutschen Kritiker. Wie nun wiederum kein Russe, sondern Goethe schrieb: „Der Bär brummt nach der Höhle, in der er geboren ist.“ Das sollte erklären, warum er im hohen Alter immer noch die Sprache seiner Geburtsstadt Frankfurt babbelte. Es passt aber auch auf Putin, der nicht die Sprache des Westens spricht. Im Herbst sagte er, im Zusammenhang mit der russischen Außenpolitik: „Der Bär ist der Herr der Taiga.“ Er werde sie niemand anderem überlassen. Putin klang so, als könne er den Bären gut verstehen. Ganz im Ernst.

          Vor ein paar Jahren war Putin einmal mit Walforschern auf dem Meer. Anschließend schrieb er: „In Wirklichkeit gibt es etwas unendlich viel Wichtigeres als uns selbst. Das zu verstehen ist offenkundig nicht schwer. Man braucht dazu nur jenen Leuten zu begegnen, die die Natur erforschen und die Geschichte der Tierwelt.“

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