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Ukraine : Der Traum des Musterschülers

  • -Aktualisiert am

Spuren der Gefechte: Die Vororte von Slawjansk gleichen Geisterstädten Bild: Alexander Tetschinski

Die ukrainischen Regierungstruppen bereiten den Sturm auf Donezk vor. Slawjansk haben sie schon zurückerobert. Dort beginnt nun der zähe Kampf um die Einheit und das Vertrauen der Menschen. Singen und Flaggen schwenken werden nicht ausreichen.

          Die Verkäuferinnen aus den kleinen Lädchen auf der Schewtschenkostraße rauchen ihre Pausenzigaretten und schauen ungläubig dem neuen Wind hinterher, der durch ihre Stadt weht. Ein magerer Demonstrationszug eilt vorüber, kaum mehr als dreißig Jugendliche und ein paar Frauen mittleren Alters. Sie tragen große blau-gelbe Flaggen und singen mit gepresstem Stimmbruchtimbre und in scharfem Sopran die Landeshymne. „Noch ist die Ukraine nicht verloren!“, fängt sie an. Zwischen den versprengten Demonstranten springen zwei Kameramänner des ukrainischen Fernsehens herum. Sie bemühen sich, den Ausbruch des ukrainischen Patriotismus in dieser ehemaligen Hochburg des Separatismus möglichst beeindruckend aussehen zu lassen. In den Abendnachrichten in Kiew wird es heißen, die Bewohner von Slawjansk hätten für die Einigkeit des Landes demonstriert.

          Eine Dame vom Kreiskulturamt, die als Schlusslicht der Gruppe folgt, schwört, es sei allein die Idee des 14 Jahre alten Musterschülers Taras gewesen, diese Demonstration zu organisieren. Sie sei sicher keine pädagogische Maßnahme der Verwaltung gewesen. Der Zug hält am Denkmal des Nationaldichters Taras Schewtschenko. Der weizenblonde junge Taras animiert das Grüppchen, ein paar Losungen zu skandieren: „Slawjansk – ist ukrainisch, Donezk – ist ukrainisch, Luhansk – ist ukrainisch, die Krim – ist ukrainisch.“ Sie zählen die umkämpften Städte im Donbass und die von Russland annektierte Halbinsel Krim auf.

          Ihren Namen haben die Regierungskritiker nie genannt

          Um ihr eigenes Heimatstädtchen Slawjansk wird allerdings nicht mehr mit Granaten und Panzern gekämpft. Die Separatisten zogen vor einem Monat ab, die ukrainische Armee hat gewonnen. Nun hat für die Regierung in Kiew der zähe Kampf um die Einheit der Stadt und das Vertrauen der Leute begonnen.

          Natürlich sei dieses Singen und Flaggenschwenken etwas übertrieben und künstlich, sagt Swetlana Iwanowna und seufzt. Iwanowna ist eine freundliche Ingenieurin im Ruhestand, die auf der Schewtschenkostraße ihre Einkaufstüten nach Hause trägt. Aber irgendjemand müsse diesen Kindern doch etwas Patriotismus beibringen. „In der Stadt gibt es immer noch so viele, die sagen ‚Die Ukraine ist gar kein Land, sie muss zu Russland gehören.‘ Diese Leute müsse man doch irgendwie überzeugen. Swetlana Iwanowna blieb mit ihrem Mann, der ebenfalls als Ingenieur gearbeitet hat, die ganze Besatzungszeit über in der Stadt. Sie habe sich, so sagt sie, in all den 68 Jahren ihres Lebens stets als Ukrainerin gefühlt. Doch das gehe hier längst nicht allen so.

          Für Jekaterina Ljen (rechts) haben die ukrainischen Truppen nur Unglück gebracht

          Die Stadt hat ein traumatisierendes Frühjahr erlebt. Mitte April besetzten bewaffnete prorussische Männer die Stadtverwaltung, das Geheimdienstgebäude, die Polizeistation und erklärten sich für unabhängig von Kiew. Wjatscheslaw Ponomarjow, ein rauhbeiniger ehemaliger Seifenfabrikant, ernannte sich zum Bürgermeister. Er ließ Barrikaden bauen, Geiseln nehmen, rauben, wahrscheinlich auch morden. Und doch haben ihn – zumindest am Anfang – viele der mehr als 120.000 Bewohner von Slawjansk unterstützt. Wie viele genau, ist schwer zu sagen. Solange das Leben unter der Kontrolle der Separatisten mehr oder weniger seinen Gang ging, konnte man auf dem Lenin-Platz vor der verbarrikadierten Verwaltung stets Leute treffen, die einem offenherzig erzählten, was sie von der faschistischen Kiewer Junta hielten. Ihre Namen wollten diese Leute allerdings nie nennen. Man wusste ja doch nicht so genau, was noch kommt.

          Blau-gelbe Kosmetik

          Es kam ein Sturm. Ukrainische Truppen umzingelten die Stadt, lieferten sich wochenlang Gefechte mit den Separatisten, die später von einem Russen namens Igor Strelkow kommandiert wurden, und eroberten Slawjansk zurück. Die Truppen Kiews kamen in eine Geisterstadt: leere Geschäfte, Müllberge, zerborstene Fenster. Noch immer sind die Spuren der Gefechte zu sehen, auch wenn im Zentrum nur relativ wenige Gebäude von den Zerstörungen heimgesucht wurden. Sehr viele Leute waren zumindest in den schlimmsten Wochen geflohen. Rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung sollen inzwischen zurückgekehrt sein. Strom und Wasser fließen wieder, der Stadtbrunnen sprudelt, und die Trolleybusse rollen. Einige Geschäfte und Cafés sind noch mit Plastikfolien verklebt, aber allerorten sieht man Kleinunternehmer werkeln und aufräumen.

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