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Ukraine : Der Traum des Musterschülers

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Die Angst geht weiter um in der Stadt. Viele Leute fürchteten, dass der Schrecken noch nicht vorbei sein könnte, sagt der Polizeichef. Die Frage, ob die Separatisten zurückkommen könnten, werde ihm sehr oft gestellt. Es gehen Gerüchte in der Stadt, nach denen ehemalige Kämpfer in Zivil gesichtet wurden. Rybaltschenko hat drei Männer festnehmen lassen, die im Verdacht stehen, auf Seiten der Besetzer gekämpft zu haben. Nun komme es darauf an, die anderen zu finden und zwischen den Männern zu unterscheiden, die nur ab und zu an den Barrikaden eine Zigarette mit den Separatisten geraucht hätten, und denen, die sich tatsächlich schuldig gemacht hätten. Rund 300 Polizisten aus anderen Regionen arbeiten derzeit in Slawjansk. Auch die örtlichen Sicherheitskräfte werden daraufhin überprüft, ob sie mit den Separatisten kollaboriert haben.

Die „Gewalt der Information“

In ein schmuckloses Eckzimmer im Erdgeschoss der Stadtverwaltung auf dem Leninplatz ist das Büro des psychologischen Krisendienstes eingezogen, den Tatjana Aslanjan organisiert. Die attraktive Frau unterrichtet an der psychologischen Fakultät der Stadt und hat nun zehn Freiwillige gefunden, um Bürgern von Slawjansk schnell unbürokratisch helfen zu können. Wer Aslanjan sprechen will, muss warten. Es sitzt fast immer jemand auf dem Stuhl vor ihrem Schreibtisch. „Die Gesellschaft klafft auseinander“, sagt Aslanjan. Die Leute müssen ihren Platz darin wiederfinden. Familien zerbrechen über dem Streit um die politische Zukunft, Nachbarn sprechen nicht mehr miteinander.

Aslanjan hat es mit Menschen zu tun, die seit 20 Jahren verheiratet sind, drei Kinder miteinander haben und nun kurz vor der Trennung stehen, weil einer den Worten aus Kiew glaubt und der andere denen aus Moskau. „Sie sollten sich jetzt nicht trennen“, sagt Aslanjan. „Ebensowenig wie das Land.“ Sie müssten lernen, auch mit unterschiedlichen politischen Ansichten zu leben. Allerdings verbiete sie den Patienten, Fernsehen zu schauen. Es gebe schließlich neben der physischen und psychologischen Gewalt in diesem Konflikt auch eine „Gewalt der Information“. Wenn es gelingt, den Leuten von Slawjansk zu helfen, will Aslanjan die Erfahrung weitergeben. „Vielleicht könnten die Leute in Luhansk von dem profitieren, was wir hier erfahren haben.“ In Luhansk ist die Gewalt noch nicht vorüber.

Ändert sich die Einstellung nicht, war der Kampf vergeblich

Am Sonntagnachmittag um vier haben die Kiewer Führung und die Leute von Slawjansk jetzt immer eine feste Verabredung zum Gespräch. Dann lädt die Verwaltung zur Volksversammlung auf den Lenin-Platz. Zu dieser Versammlung sind vielleicht 150 Leute gekommen. Manche haben sich ukrainische Fahnen umgehängt, andere tragen die typische Trachtenbluse. Sie hatten lange keine Gelegenheit, in ihrer Stadt stolze Ukrainer zu sein, erzählt ein Ehepaar in voller Montur. Die beiden sind gekommen, um zu erfahren, wie es nun weitergeht mit der Stadt. Mehrere Redner treten auf und fordern einen radikalen Wechsel der Verwaltung. Es könne doch nicht sein, dass dort dieselben Leute sitzen bleiben, die diesen Volksbürgermeister Ponomarjow geduldet haben! Zur Bereinigung von belasteten Kadern aber brauche es ein Lustrationsgesetz, teilt ein Stadtratsabgeordneter mit. Ohne eine Entscheidung aus Kiew könne man nichts machen.

Mit besonders warmem Applaus begrüßen die Unterstützer Kiews einen Vertreter der Regierungstruppen. Der Mittvierziger im dunkelgrünen T-Shirt greift zum Megaphon und findet freundliche Worte. Die erste Aufgabe sei es, den Krieg zu beenden. Dann aber müsse man am Bewusstsein arbeiten und verstehen, dass eben nicht alles Russische besser sei. „Bitte engagieren Sie sich dafür, bitte gehen Sie zu den Veranstaltungen der Stadt und bringen Sie sich ein!“, fordert er die Leute auf. Viele seien der Ukraine gegenüber vielleicht nicht negativ, aber doch neutral eingestellt. Wenn sich das nicht ändere, dann sei der Kampf vergeblich gewesen.

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