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Ukraine : Der Traum des Musterschülers

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Wie an den roten Farbflecken zu sehen, stimmen nicht alle Menschen mit dem Dank an die ukrainische Armee für die Befreiung von Slawjansk überein

Den Kampf um die Gesinnung haben die Vertreter der Kiewer Regierung zunächst kosmetisch begonnen. An den Baustellenzäunen und Wänden ließen sie die antifaschistischen Parolen der Separatisten mit blau-gelben Flaggen übermalen. Große Plakatwände teilen der Bevölkerung mit, was auch der junge Taras skandierte: „Slawjansk – ist ukrainisch.“ Auf einem anderen Plakat steht: „Dank der ukrainischen Armee für die Befreiung von Slawjansk.“ Einen von diesen Aushängen in der Nähe des Bahnhofs hat jemand mit roter Farbe beschmiert. Sie läuft wie Blut über die Buchstaben.

„Suchen Sie sich einen Sponsor“

Für Jekaterina Ljen haben die ukrainischen Truppen nur Unglück gebracht. Das kleine Steinhäuschen der alten Frau an der Engelsstraße von Slawjansk ist eine Ruine. Das Dach wurde am 20. Mai von den Regierungstruppen zerschossen; die Separatisten standen am anderen Ende der Straße und feuerten ebenfalls. Nun sind die Fenster weg, es regnet in alle Zimmer, und die bunten Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden. Als Ljen im Kittelschürzenkleid durch die Zimmer führt und das aufgequollene Sofa zeigt, auf dem sie vor dem Angriff geschlafen hat, laufen ihr die Tränen über die Wangen. Das ganze Leben hat sie gearbeitet, als Köchin in der Kantine der Maschinenbaufabrik. Nun bekommt sie eine Rente von 100 Euro. Keiner ersetzt ihr das Haus und die geliebten Kasserollen.

Von Menschen geschaffene Behausungen wurden genauso wie die Natur von den Kämpfen zerstört

Ljen hat lange bei der Stadtverwaltung gesessen und um Hilfe gebeten. Dann besuchten Angehörige einer Kommission die Ruine und teilten ihr mit, dass das Häuschen nicht zu retten sei. Wann es Geld für ein neues Haus geben werde, konnte ihr allerdings niemand sagen. „Suchen Sie sich einen Sponsor“, habe ihr die Mitarbeiterin geraten. Das Parlament in Kiew hat in der vergangenen Woche Geld für den Wiederaufbau bereitgestellt – doch noch ist es offenbar nicht verfügbar. Ob sie Vertrauen in die neue Macht haben könne, die ihr Haus zerstörte, hänge davon ab, ob man ihr helfe, sagt Ljen bitter. Die Tochter, bei der sie untergeschlüpft ist, pflichtet ihrer Mutter bei. Man wisse auch gar nicht recht, was man glauben solle. „Die russischen Sender sagen so, die ukrainischen Sender sagen ganz anderes.“

Werden die Separatisten zurückkommen?

Zumindest sollen Gewalt und Verbrechen mit den Separatisten wieder aus Slawjansk ausgezogen sein. Das sagt Igor Rybaltschenko, der neue Polizeichef der Stadt. Er stammt aus Slawjansk, hatte zuletzt aber in Simferopol auf der Krim gedient. Seit der Befreiung habe es kaum Zwischenfälle gegeben, sagt Rybaltschenko. Ein Fahrraddiebstahl, ein gestohlener Roller. Allerdings ausgerechnet an diesem Morgen sei einer im Suff erschlagen worden. Der erste Tote seit den Kämpfen. Den Verdächtigen hätten sie schon gefasst. Davon abgesehen, beträfen die meisten Anzeigen, die erstattet wurden, seit er die Polizei in Slawjansk leite, die Zeit der Besetzung durch die Terroristen. Läden seien ausgeraubt, Autos gestohlen worden. Und mindestens 50 Menschen seien spurlos verschwunden. Rybaltschenko reibt sich nachdenklich die Hände.

Semenovka, eine Vorstadt von Slawjansk, wurde stark in Mitleidenschaft gezogen

Ende Juli war im Zentrum der Stadt nahe einer Kinderklinik ein Massengrab mit 14 Leichen entdeckt worden. Drei von ihnen wurden identifiziert, darunter zwei erwachsene Söhne eines protestantischen Pastors, die zusammen mit zwei weiteren Gemeindemitgliedern als entführt gemeldet worden waren. Die anderen Opfer, teilweise nackt, teilweise in militärischer Tarnkleidung, werden nun von Experten in Charkiw untersucht. Den Hinweis auf das Grab habe ein alkoholkranker Mann gegeben, der allerdings mit den Separatisten in Verbindung stand, sagt Rybaltschenko. Man habe auch weitere Einzelgräber gefunden, die nun untersucht würden.

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