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Festung Brégançon : Ein nackter Präsident auf dem Balkon

Abstellplatz für sperrige Gastgeschenke

De Gaulles Nachfolger im Elysée-Palast, Georges Pompidou, liebte das mondäne Leben an der Côte d’Azur. Seine Frau, die Kunstliebhaberin Claude Pompidou, richtete die Salons von Fort Brégançon mit weißen Ledersesseln, roten Plexiglastischen und viel moderner Kunst ein. Doch Präsident Valéry Giscard d’Estaing und seiner Frau Anne-Aymone waren die Möbel und die Gemälde viel zu avantgardistisch. Deshalb finden die Besucher jetzt in den meisten Räumen biedere Sofas und Sessel mit floralen Mustern vor, die an Großmutters bunte Sommerkleider erinnern. Bernadette Chirac, die Ehefrau von Präsident Jacques Chirac (1995– 2007), verbrachte die meisten Sommerurlaube in Brégançon, und sie erstand bei lokalen Malern für die touristische Kundschaft provenzalische Landschaftszeichnungen, die niemals in ein französisches Museum gelangt wären. Doch im Speisesaal entlocken die Aquarelle den Besuchern jetzt ein enttäuschtes „Ah bon“.

Hollandes Einrichtungsbeitrag beschränkt sich auf die Ablagerung sperriger Gastgeschenke, die ihm im Elysée-Palast überreicht wurden. So stehen in der Eingangshalle golden schimmernde Oasenfiguren nebst Kamelen und Palmen, eine Gabe aus Saudi-Arabien. Führerin Marine weiß zu berichten, dass selbst die vermutete Vergoldung Schwindel ist, es handelt sich lediglich um geschickt verziertes Metall. Richtig standesgemäß nimmt sich selbst das Präsidentenbüro nicht aus, auch wenn dort an einem für den kleinen Raum überdimensionierten Fahnenständer die französische und die europäische Flagge hängen. Die Telefonanlage scheint aus der Amtszeit Giscards (1974–81) zu stammen. Auf einem kleinen Beistelltisch beim Präsidentenschreibtisch liegt vielsagend Françoise Sagans Roman „Des bleus à l’âme“ (auf Deutsch erschienen unter dem Titel: „Blaue Flecken auf der Seele“).

Nur ins Schlafzimmer des Präsidenten werden die Besucher nicht vorgelassen, was umso ärgerlicher ist, weil sich um den nur von dort aus zugänglichen Balkon mit schmiedeeisernem Geländer eine Geschichte rankt. Marine erzählt sie noch im äußeren Festungsring, der den Blick auf den Präsidentenbalkon am Ostturm freigibt. Am 4. Juli 2001 begab sich Präsident Jacques Chirac auf den Balkon – gänzlich unbekleidet und nur mit einem Fernglas ausgestattet. Ihn hatte das Motorengeräusch ins Freie gelockt, das ein Hubschrauber verursachte, der auf der Yacht Michael Schumachers gewagte Ab- und Anflugmanöver übte. Chirac ahnte nicht, dass sein spontaner Auftritt die Aufmerksamkeit sämtlicher, eigentlich für Schumacher angereister Fotografen auf sich zog. Über die Nacktaufnahmen – die sich selbst der Chefredakteur der Zeitschrift „Paris Match“, Alain Genestar, zu veröffentlichen weigerte – war Chirac so erbost, dass er Brégançon daraufhin jahrelang mied. Ohnehin verbindet Chirac mit der Festung nicht nur angenehme Erinnerungen. Präsident Giscard hatte ihn als Premierminister am 6. Juni 1976 dorthin mit seiner Ehefrau zu seinem Diner eingeladen und zugleich seinen Tennislehrer nebst Gattin hinzugebeten. Chirac und seine leicht dünkelhafte Ehefrau Bernadette fanden es höchst empörend, sich am Tisch auf eine Stufe mit dem Tennislehrerpaar gestellt zu sehen.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl konnte es hingegen als seltene Auszeichnung empfinden, vom damaligen Präsidenten François Mitterrand in die Festung eingeladen zu werden. In der deutschen Presse wurde die Visite am 25. August 1985 zu einem Besuch im „Präsidentenschloss“ an der Côte d’Azur ausgeschmückt. Viel wichtiger war, dass sich Kohl und Mitterrand nach Irritationen während ihrer ersten Amtsjahre in Brégançon näherkamen. In der Festung beschlossen die beiden Staatsmänner, ein sogenanntes rotes Telefon zwischen Bonn und Paris einzurichten, um sich ständig abzustimmen. Von Mücken wusste Kohl nicht zu berichten. Und auch die Bettenlänge in Brégançcn war nach der Beschwerde des 1,93-Meter-Präsidenten de Gaulle verlängert worden.

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