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Wahlen in der Ostukraine : Normal ist anders

Sachartschenko, der neue Mann, schlug neue Töne an. Er sprach von einer „friedlichen Phase“ in der Auseinandersetzung mit Kiew sowie davon, dass man Konflikte durch „Gespräche“ lösen wolle. Den abberufenen Girkin, die Ikone des Expansionismus, kritisierte er mit den Worten, für ihn sei der Krieg „Doktrin“ gewesen: „Er ist ein Held, wir respektieren ihn. Aber wir haben ihn nicht unterstützt, als er versuchte, Probleme durch die Opferung unserer Landsleute zu lösen.“

Die Separatisten sind uneins

Der Kurswechsel ist allerdings nicht geradlinig verlaufen. Dass der Abschied vom Expansionsprojekt „Neurussland“ offenbar unter den Separatisten selbst alles andere als unumstritten ist, zeigt sich daran, dass Sachartschenko immer wieder zurückrudern musste. Nachdem er unter dem Protest der „Falken“ den Minsker Waffenstillstand unterzeichnet hatte, wurden Berichte publik, nach denen er seinen Rücktritt angeboten habe, um nicht zum „Verräter“ zu werden. Einmal kündigte er sogar markig an, die von den Ukrainern zurückeroberten Städte Slawjansk, Kramatorsk und Mariupol mit Waffengewalt wiederzugewinnen – nur um kurz darauf hinzuzufügen, er habe nie gesagt, dass das „morgen oder übermorgen“ sein werde.

Die „Kriegspartei“ unter den Separatisten scheint durchaus noch zu existieren. Russische Zeitungen berichteten Anfang Oktober aus Donezk von Demonstrationen gegen den Waffenstillstand und für die Verschiebung der Wahlen. Offenbar fürchten die „Falken“, durch die Konsolidierung des Status quo werde die Eroberung der gesamten Südukraine in den Hintergrund treten.

Dass solche Zwistigkeiten auf einen Aufstand gegen der lokalen Radikalen gegen Moskau hindeuten könnten, scheint allerdings unwahrscheinlich. Vitali Sysow von „Nowosti Donbassa“ glaubt jedenfalls, angesichts des überragenden Einflusses russischer Waffen und russischer Unterstützung sei so etwas kaum denkbar. Vielmehr deuteten solche Unstimmigkeiten darauf hin, dass es in Moskau selbst unterschiedliche Lager gebe.

An Ort und Stelle sind einige Führer des „Noworossija“-Lagers leicht auszumachen. Dazu gehört im Luhansker Gebiet der Kommandeur des Bataillons „Gespenst“, Alexej Mosgowoj. Er gilt als „Idealist“ der großrussischen Sache, hat dem abberufenen Kriegshelden Girkin öffentlich Treue geschworen und wird mit den Worten zitiert, die „Republiken“ DNR und LNR seien im Vergleich zu Neurussland ein bloßes „Delirium“.

In der Uniform der Zarenzeit

Im Gebiet Donezk dagegen ist Pawel Gubarew die bekannteste Figur der Kriegspartei. Dieser Mann, der gerne in goldbetressten Generalsuniformen der Zarenzeit auftritt, hat als selbst ausgerufener „Volksgouverneur“ von Donezk öffentlich die Bereitschaft erklärt, auf das Minsker Waffenstillstandsprotokoll zu „spucken“. Er ruft dazu auf, den Kampf „zur Befreiung unserer Brüder aus der Herrschaft der faschistischen Junta“ in Kiew fortzusetzen.

Allerdings scheint es, als habe diese Strömung im Augenblick keine Chance. Die „Zentrale Wahlkommission“ der „DNR“ hat Gubarews Partei „Noworossija“ jedenfalls die Zulassung verweigert. Er selbst hatte Anfang Oktober einen schweren Unfall. Seine Anhänger sagen, jemand habe auf sein Auto geschossen, worauf es gegen einen Brückenpfeiler gerast sei. Seither liegt er offenbar im Koma.

Niemand zweifelt mehr daran, dass die Männer des Status quo – in Donezk Sachartschenko und in Luhansk der dortige „Präsident“ Igor Plotnitzkij, am Sonntag siegen werden. Die „Wahlen“ im Donbass könnten dann in eine Phase führen, welche die russische Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ mit dem Wort „friedliche Koexistenz“ beschrieben hat. Der Begriff stammt aus Zeiten der Sowjetunion. Schon damals wurde hinzugefügt, die Beschränkung aufs „Friedliche“ gelte natürlich nur so lange, wie der Klassenfeind zu stark sei, um vernichtet zu werden.

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