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Krise im Mittelmeer : Das tödliche Geschäft mit den Flüchtlingen

Bei der Überfahrt über das Mittelmeer sterben derzeit so viele Menschen wie noch nie. Bild: AFP

Europa wollte den Schleusern das Handwerk legen. Doch für die ist es so einfach wie nie, mit Flüchtlingen Geld zu verdienen. Sie machen sich die europäischen Rettungssysteme zunutze. Und viele Flüchtlinge sterben dabei.

          Der norwegische Kapitän zeigt Videos, Rettungseinsatz zwischen Sizilien und Libyen. Man sieht Schlauchboote, hoffnungslos überfüllt mit Afrikanern. Ängstliche Gesichter. Ernste, fragende, auch erleichterte Blicke, wenn die Helfer nahen. Männer, die über Bord springen und sofort Wasser schlucken, weil sie weder eine Schwimmweste haben noch schwimmen können. Ein Afrikaner, der sich an Wasserkanister klammert. Der Jubel der Geretteten, wenn sie in Sicherheit sind. Ein winziger Junge, an Bord geboren.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann die anderen Aufnahmen, „hart“ seien sie, warnt der Kapitän. Vollgelaufene Boote, in denen leblose Körper treiben. Leichname, schwer wie Blei, die Retter kriegen sie kaum aus dem Wasser. Aufgedunsene Körper, die an Bord obduziert werden. Der Norweger zeigt diese Bilder jedes Mal, wenn Besuch kommt. Kalt lassen sie ihn nicht. Seine Wangen glühen, die Augen suchen Halt.

          Er hat sich freiwillig gemeldet. Warum nur?

          Pål Erik Teigen ist Polizist, fünfzig Jahre alt. Täjen, so spricht man seinen Namen aus. Ein kerniger Typ mit Glatze und Bartstoppeln. Daheim in Norwegen sichert er die Küste. Aber jetzt sitzt er auf der „Siem Pilot“ im Hafen von Catania. Von der Brücke sieht man, wie der Ätna hinter der Stadt in einer grauen Wolkendecke verschwindet. Es dämmert, Regen schlägt gegen die Scheiben. Winter in Sizilien. Teigen wartet auf seinen nächsten Einsatz für die europäische Grenzschutzmission „Triton“. Er hat sich freiwillig gemeldet. Warum macht er das?

          Er sucht nach Worten. „Um etwas zu verändern, glaube ich.“ Er stockt, setzt noch mal an: „Um etwas Sinnvolles zu tun.“ Mehr als 28.000 Menschen hat die Besatzung der „Siem Pilot“ schon aus Seenot gerettet, Migranten allesamt. Der Norweger zeigt ein Foto: Ein schwarzes Mädchen strahlt und streckt die Finger zum Victory-Zeichen; den anderen Arm legt es um ein Kleinkind, wahrscheinlich die Schwester. „Das ist der Grund, warum ich hier bin“, sagt Teigen. Rührung liegt in seiner Stimme.

          Aber was ist mit den Toten? Die „Siem Pilot“ hat einen Kühlcontainer an Bord, da passen fünfzig Leichname rein. In den letzten Wochen hat die Besatzung immer wieder leblose Körper aus dem Wasser gezogen. „Man wandelt im Leben auf einem schmalen Grat. Du kannst sehr schnell runterfallen. Ein Kind ertrinkt, ein anderes wird an Bord geboren“, sagt Teigen. Eine „emotionale Achterbahnfahrt“ sei das. Rauf und runter. Immer in Bewegung. Alles dreht sich um Leben und Tod.

          Stunden nach dem Gespräch kentert ein Schlauchboot vor der libyschen Küste. Ein Öltanker holt 15 Afrikaner aus dem Wasser, sie hatten sich stundenlang an die schwimmenden Reste des Boots geklammert. An Bord seien 150 Menschen gewesen, berichten die Überlebenden. Am folgenden Tag das nächste Unglück: wieder ein Schlauchboot, 122 an Bord, 23 gerettet, vier Leichname aus dem Wasser gezogen. In den Zeitungen sind das kleine Meldungen, wenn überhaupt. Man hat sich an derlei Nachrichten gewöhnt. Die Zahl der Toten und Vermissten auf der zentralen Mittelmeer-Route von Libyen nach Italien ist in der vergangenen Woche auf mehr als 4000 gestiegen.

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