https://www.faz.net/-gq5-81h73

Ukraine : Der gestürzte Oligarch und der Rechte Sektor

Pedro Poroschenko (links) und Ihor Kolomojskij Bild: AFP

Händeschütteln, freundliche Worte: Die Entmachtung des ukrainischen Gouverneurs und Oligarchen Ihor Kolomojskij wurde als Abschiedszeremonie inszeniert. Doch Geheimdienstpapiere, die der F.A.Z. vorliegen, offenbaren die Abgründe dahinter.

          Ginge es allein nach den offiziellen Videos, sähe der Sturz eines ukrainischen Oligarchen ein wenig so aus wie die Verabschiedung eines verdienten Prokuristen durch den gestrengen Chef eines Familienunternehmens: Der Verabschiedete nimmt Platz, nickt, fingert an seiner Nickelbrille. Der Chef spricht warme Worte, unterzeichnet die Papiere, dann ist es auch schon vorbei. „Danke.“ – „Ich bin es, der zu danken hat.“

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So also sah die Entmachtung des ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojskij in der Nacht zum Mittwoch nach außen hin aus – zwar bleibt er reich und mächtig, doch aus dem Amt des Gouverneurs in der ukrainischen Raumfahrt- und Technologieregion Dnipropetrowsk wurde er von Präsident Petro Poroschenko entlassen. Sein Sturz beendet zumindest die politische Laufbahn eines Oligarchen, der von seinen eigenen Helfern als der brutalste unter seinesgleichen gerühmt wurde – der aber nach der „anti-oligarchischen“ Revolution von 2014 dennoch überleben konnte, weil er mit seinem Milliardenvermögen half, jene Freiwilligenbataillone aufzustellen, mit denen die neue prowestliche Macht in Kiew der russischen Intervention im Osten entgegentritt.

          Das Arrangement der Revolution mit Kolomojskij ist vergangene Woche allerdings zerbrochen, als das Parlament ein Gesetz beschloss, das dessen jahrelange informelle Herrschaft über das staatseigene Erdölunternehmen Ukranafta beendete. Bewaffnete unter seiner persönlichen Anleitung besetzten daraufhin die Zentrale des Konzerns. Der Konflikt drohte sich schon zur Staatskrise auszuwachsen; Kolomojskijs Stellvertreter als Gouverneur, Hennadij Korban, schickte sich an, in dessen Hochburg Dnipropetrowsk Demonstrationen zu organisieren. In Kiew leuchteten spätestens an diesem Punkt die Warnlampen, denn mit solchen Demonstrationen hatte vor einem Jahr auch die russische Intervention im ostukrainischen Industriegebiet Donbass begonnen. Präsident Poroschenko blieb nichts anderes übrig, als sich Kolomojskij entgegenzustellen.

          Die Entlassung in der Nacht zum Mittwoch folgte, und die Inszenierung im Präsidentenpalast erweckte den Anschein besten Einvernehmens. Dankesworte gingen hin und her, die Demonstration in Dnipropetrowsk wurde verschoben. Zumindest nach außen hin sollte nichts darauf hindeuten, dass der Präsident und der Mäzen der Freiwilligenbataillone gerade einen Machtkampf ausgetragen hatten, der für das Land im Kriegszustand zur existenziellen Gefahr hätte werden können.

          Dass dabei trotz des schönen Scheins mit härtesten Bandagen gekämpft wurde, hatte allerdings eine Äußerung erkennen lassen, mit der Valentyn Naliwajtschenko, der Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, schon am Montag an die Öffentlichkeit getreten war. Auf dem Höhepunkt des Ringens um die ehemals von Kolomojskij kontrollierten Staatsbetriebe erwähnte der Geheimdienstchef Ermittlungen gegen eine „Bande“, die im ostukrainischen Kriegsgebiet eines Mordes verdächtigt werde, und die sich „hinter einigen der Freiwilligenbataillone verstecke“, welche dort im Einsatz seien. „Unterstützung“ erhalte diese Gruppe von „hochgestellten Mitgliedern der Staatsverwaltung in Dnipropetrowsk“.

          Weitere Themen

          Noch bleibt es friedlich

          Proteste in Hongkong : Noch bleibt es friedlich

          Hunderttausende marschieren in Hongkong wieder auf den Straßen, um gegen die Regierung in Peking zu demonstrieren. Bislang bleiben die Protestre friedlich – die Angst vor einem Eingreifen des Militärs wächst.

          Topmeldungen

          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregelten Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          „Ich habe Mist gebaut. So ist es nun einmal. Fertig“: Uli Hoeneß zu seiner Steuerhinterziehung.

          Präsident des FC Bayern : Hoeneß handelt wieder mit Aktien

          2014 wurde Bayern-Präsident Uli Hoeneß verurteilt, weil er Gewinne aus Finanzgeschäften nicht richtig versteuert hatte. Jetzt ist er wieder an der Börse aktiv – und hat, wie er sagt, seine Strategie geändert.
          Daniel Cohn-Bendit während einer Europa-Veranstaltung in Paris am 24. Mai dieses Jahres

          Cohn-Bendit im Gespräch : „Nato und EU sind desorientiert“

          Brauchen wir die Nato und die Europäische Union noch? Für den Historiker Gregor Schöllgen sind sie aus der Zeit gefallen, überflüssig. Daniel Cohn-Bendit widerspricht ihm vehement.
          Auf eine Partie Bridge: Starinvestor Warren Buffet und Microsoft-Mitgründer Bill Gates auf einer Veranstaltung während der Hauptversammlung von Berkshire Hathawy am 6. Mai 2019

          Drohende Rezession : Buffett vertraut auf das Wirtschaftswachstum

          Berkshire Hathaway, die Gesellschaft des berühmten Starinvestors, hat zuletzt Aktien von Banken und eines Einzelhändlers gekauft. Die Kursrückschläge dürfte Buffett als Kaufgelegenheit nutzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.