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Homo-Ehe : Eine Niederlage für die Kirche

Widerstreit zwischen Idee und Wirklichkeit: die Kuppel und der Papstaltar im Petersdom in Rom Bild: dpa

Die Kluft zwischen Leben und kirchlicher Lehre vertieft sich – und das nicht nur im Umgang mit Homosexuellen. Die Gläubigen sind in vielen gesellschaftlichen Fragen viel weiter als die „Hirten“, die sie leiten wollen.

          Rom hat wieder einmal gesprochen. Nicht nur eine Niederlage der christlichen Prinzipien sei das Votum der Iren für die Homo-Ehe, sondern „auch ein wenig eine Niederlage der Menschheit“, so Kardinalstaatssekretär Parolin, der zweite Mann im Vatikan. Aber beendet sein dürfte die innerkatholische Debatte mit diesen markigen Worten weniger denn je.

          Denn um zu wissen, wie es weite Teile des Kirchenvolkes in den westlichen Ländern mit lehramtlichen Vorgaben hinsichtlich der persönlichen Lebensführung und der Normierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens halten, brauchte es nicht das Abstimmungsverhalten der mehrheitlich katholischen Iren. Wie groß die Kluft zwischen Lehre und Leben ist, zeigte sich schon in den Antworten auf die Fragen zur Vorbereitung der Bischofssynode über Ehe und Familie im Herbst 2014.

          Egal ob es um das Zusammenleben vor der Ehe geht, um die Empfängnisverhütung, den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Paaren oder mit Katholiken, die nach dem Scheitern ihrer Ehe ein zweites Mal geheiratet haben, – in ihrer Mehrheit fühlen sich die Gläubigen längst ihrem Gewissen verpflichtet. Das schließt nach der klassischen Lehre vom „informierten Gewissen“ eine Auseinandersetzung mit den Weisungen des Lehramtes nicht aus, sondern ein. Dann aber ist das, was in Irland passiert ist oder sich, wie jüngst in Deutschland, in der Forderung nach einer kirchlichen Segnung für gleichgeschlechtliche Paare niederschlägt, auch ein wenig eine Niederlage für Päpste, Kardinäle und Bischöfe. Wenn sie nicht einmal mehr das gläubige Volk hinter sich wissen können, warum sollen ihre Argumente dann noch in Politik und Gesellschaft verfangen?

          Dabei haben die Hochschätzung der Ehe und die Wertschätzung der Familie unter Katholiken keineswegs abgenommen. Auch das hat sich während der Vorbereitung der Bischofssynode in seltener Klarheit herausgestellt. Aber diese Haltungen gewinnen offenbar nicht länger dadurch an Wert, dass sie unterschiedslos mit der Abwertung anderer Lebensformen einhergehen – was nicht heißt, dass es nicht weiterhin gute Gründe dafür gibt, Gleiches gleich zu behandeln ist und Ungleiches ungleich, und dass diese Unterscheidungen im Horizont des Glaubens eine besondere Prägnanz erhalten. Auch in diesem Sinn gilt das Diktum von Papst Franziskus: „Die Realität ist wichtiger als die Idee.“

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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