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Homo-Ehe in Polen : Die Freiheit der anderen

Nicht in der letzten Reihe: Die transsexuelle Abgeordnete Anna Grodzka (Mitte) im polnischen Sejm Bild: dpa

Polens Präsident Donald Tusk hat im Streit über die Homo-Ehe eine Regierungskrise verhindern können. Aber die Debatte gärt weiter und spaltet die Gesellschaft. Auch der frühere Präsident Walesa beteiligt sich.

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          In den neunziger Jahren hat es im polnischen Fernsehen eine Sendung mit Puppen gegeben, in der Lech Walesa, der Führer der Gewerkschaft „Solidarnosc“ in den letzten Jahren des Kommunismus, der später der erste frei gewählte polnische Präsident nach dem Krieg wurde, stets als Löwe auftrat. Die Rolle passte genau, denn der Friedensnobelpreisträger hat mit dem König der Tiere gemein, dass die Wände wackeln, wenn er brüllt, wenn auch nicht immer alle verstehen, was er eigentlich sagen wollte.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In diesen Tagen wackeln wieder Wände. Walesa, dessen charaktervoll proletarischer Grobianismus im Alter zum künstlerischen Absurdismus gereift ist, hat geruht, sich zum vielleicht heikelsten Thema zu äußern, das Polen heute bewegt – zur Sexualmoral. Schwule Parlamentsabgeordnete, so bekräftigte er im Fernsehen, das Bildnis der Heiligen Jungfrau am Revers, sollten im Parlament nur in der letzten Reihe sitzen dürfen, „oder sogar jenseits der Mauer“. Er sei Demokrat, aber es könne nicht sein, dass „ein Prozent“ der „Mehrheit“ „auf der Nase herumtanzt“.

          Sexualmoral als heiß umkämpftes Thema

          Während Walesa sprach, schien die regierende „Bürgerplattform“ (PO) des Ministerpräsidenten Donald Tusk gerade in Gefahr, wegen genau dieser Frage auseinanderzufallen. Tusk hatte eine Gesetzesvorlage des liberalen Flügels in seiner Fraktion unterstützt, auch in Polen eingetragene Partnerschaften für homosexuelle Paare möglich zu machen – und hatte damit einen Aufstand der rechten Strömung in der PO ausgelöst, an dessen Spitze sich sein Justizminister Jaroslaw Gowin stellte, ein angesehener Konservativer der bedächtigen Krakauer Prägung.

          Der Streit scheint mittlerweile beigelegt zu sein, Tusk und Gowin haben sich darauf geeinigt, in Frieden geteilter Meinung zu sein. In der Gesellschaft jedoch geht die Debatte weiter. Sie trennt die Städte vom Land, die Jungen von den Alten, die Rechte von der Linken, die Katholiken von den Nichtkatholiken, und Walesa hat gleich nach seinem Löwengebrüll erfahren müssen, dass sie sogar Familien teilt: sein eigener Sohn, Jaroslaw Walesa, mittlerweile Europa-Abgeordneter der PO, hat die Äußerungen seines als Vaters „schlecht und schädlich“ bezeichnet und betont, sein Vater habe nicht den „offiziellen“ Standpunkt der Familie vertreten.

          Sexualmoral ist im katholischen Polen, das bis heute neben Irland die strengsten Abtreibungsvorschriften Europas hat, ein heiß umkämpftes Thema. Vierundneunzig Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich in Umfragen als „gläubig“ oder „tief gläubig“, und die Kirche hat zuletzt Themen der Fortpflanzungsmedizin und der sexuellen Orientierung zu ihrem scharf und gelegentlich provokativ vorgetragenen Schwerpunktthema gemacht - bis hin zu Äußerungen des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Jozef Michalik, der künstliche Befruchtung indirekt mit den Verbrechen der Nazis und Kommunisten verglichen hat.

          Dabei haben Homosexuelle in Polen in den vergangenen Jahren einiges erreicht. Die „Gleichheitsparaden“, die vor zehn Jahren noch von konservativen Bürgermeistern (etwa in Warschau vom späteren Staatspräsidenten Lech Kaczynski) regelmäßig verboten wurden, finden mittlerweile ungestört, schrill und bunt statt. Die „Bewegung Palikot“, die sich für sexuelle Minderheiten einsetzt, hat bei der vorigen Parlamentswahl auf Anhieb zehn Prozent der Stimmen erreicht, und bekennende Schwule sowie eine leibhaftige Transsexuelle ins Parlament gebracht.

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