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Handelsschiffe im Mittelmeer : Die Menschenfischer stoßen an ihre Grenzen

Anfang Februar im Mittelmeer: Ein Flüchtlingsboot neben dem Frachtschiff „OOC Cougar“ der Hamburger Reederei Opielok. Bild: dpa

Seit Monaten retten Handelsschiffe Flüchtlinge im Mittelmeer. Ihre Seeleute sehen dabei immer wieder das ganze Elend. Lange schwiegen die Reeder - doch sie sind mit der Situation überfordert.

          Am Montag wurde einer der Mehrzweckfrachter der Reederei Rörd Braren, der gerade im Mittelmeer unterwegs ist, von der italienischen Küstenwache angefunkt und zu einem Boot mit Flüchtlingen beordert. Mehr als 100 Flüchtlinge seien an Bord, hieß es zunächst. Es waren dann 94, und alles ging glimpflich ab. Nicht zuletzt dank des guten Wetters konnte die Besatzung alle Flüchtlinge aufnehmen. Allerdings musste das Schiff der in der Nähe von Glückstadt beheimateten Reederei einen Umweg von nahezu drei Stunden fahren. Doch die Flüchtlinge konnten den Frachter bald wieder verlassen, denn ein Schiff der Küstenwache kam ihnen entgegen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          So oder so ähnlich geht es den Handelsschiffen im Mittelmeer derzeit beinahe täglich. Die Containerschiffe der Reederei von Claus-Peter Offen aus Hamburg haben bereits 2500 Flüchtlinge aufgenommen. Neulich rettete ein Gastanker 88 Flüchtlinge, darunter eine hochschwangere Frau. Drei Tage blieben die Flüchtlinge an Bord, bevor sie der italienischen Küstenwache übergeben werden konnten. Von den 220 Betrieben, die sich im Verband Deutscher Reeder organisiert haben, werden etwa ein Dutzend durch ihre mehr oder weniger regelmäßigen Fahrten im Mittelmeer angefunkt, ob sie Flüchtlinge aufnehmen können. Am meisten allerdings die Reederei Opielok, weil sie derzeit Spezialschiffe in Malta stationiert hat, die zwei Ölplattformen im Mittelmeer versorgen.

          Die Opielok-Seeleute mussten in den zurückliegenden drei Monaten 13 Mal ausrücken, um Flüchtlinge zu retten, insgesamt weit mehr als tausend. Die Seeleute haben das ganze Elend schon gesehen. Am Schlimmsten war es, als ein Flüchtlingsboot vor ihren Augen kenterte und die Seeleute hilflos zuschauen mussten, wie viele der Flüchtlinge ertranken, auch Frauen und Kinder. Einige Flüchtlinge konnten nicht schwimmen, sie erreichten die Rettungsringe nicht.

          Ein Handelsschiff rettete am Wochenende diese Flüchtlinge und brachte sie in den Hafen von Pozzallo. 100 Menschen nahmen die Seeleute auf, darunter 28 Kinder.

          Zehn bis 25 Mann Besatzung sehen sich oft genug Hunderten Flüchtlingen gegenüber. Und weil der Flüchtlingsstrom mit dem besseren Wetter erst so richtig loszugehen scheint, hat Opielok getan, was in dem hanseatisch-zurückhaltenden Milieu der Reedereien unüblich ist: Er hat sich gemeinsam mit dem Verband an die Öffentlichkeit gewandt: „In die Seenotrettung eingebundene Handelsschiffe sehen sich zunehmend mit Schwierigkeiten konfrontiert, für die sie nicht geschaffen sind.“ Handelsschiffe hätten weder ausreichend Platz, sanitäre Einrichtungen, Medizin und Nahrungsmittel noch Getränke an Bord, um eine derart große Menge zu versorgen. Und schließlich: Die Besatzungsmitglieder hätten auch keine Erfahrung, wie man mit Menschen in Panik umgeht.

          „Für so etwas sind die Seeleute nicht trainiert“

          Das war am Wochenende. Seitdem werden immer neue Fälle bekannt, wo normale Frachtschiffe Hunderte, Tausende Menschenleben im Mittelmeer retten. Dass die Besatzungen dazu verpflichtet sind, steht im Seerecht und ist moralische Verpflichtung. Zudem gibt es dafür Versicherungen. „Aber Flüchtlinge in so hoher Zahl sind keine Seenotlage“, sagt Ralf Nagel, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbandes der Reeder und früher Senator in Bremen, der F.A.Z.. „Für so etwas sind die Seeleute nicht trainiert.“

          Es sei auch nicht mit der Rettung an sich getan: Viele der Flüchtlinge sind krank. Viele haben schlecht verheilte Wunden. Mitunter stammen sie von einer Nierenentnahme – so versuchen sie, die Überfahrt zu finanzieren. Auch Gefahr kann von den Flüchtlingen ausgehen, denn keiner der Seeleute weiß, ob sie nicht womöglich bewaffnet sind. Womöglich sind es gar keine Flüchtlinge, sondern Leute, „die unter dem Deckmantel Schiffbrüchiger an Bord gelangen wollen, um unsere Schiffe zu kapern und für ihre Zwecke zu missbrauchen“, wie Opielok schrieb.

          Auch diese Flüchtlinge, die vergangene Woche im italienischen Corigliano ankamen, wurden von einem Handelsschiff auf dem Mittelmeer gerettet.

          Auf einem dänischen Schiff hatten Flüchtlinge versucht, den Kapitän zu einer Kursänderung – nicht nach Griechenland, sondern nach Italien – zu zwingen. Die an sich verschwiegenen Reeder hätten früher von ihren lebensrettenden Einsätzen nicht berichtet. „Jetzt aber ist das ein Massenphänomen“, sagt Nagel. Im ersten Quartal des vergangenen Jahres starben schätzungsweise 5000 Flüchtlinge, in diesem sind bereits etwa 15.000. 40.000 Flüchtlinge sind allein im vergangenen Jahr von Handelsschiffen gerettet worden. Freilich auch mit dem Effekt, dass die Schleuser das mit ihren Booten gezielt ausnutzen – ein Umstand, auf den auch Innenminister Thomas de Maizière (CDU) hingewiesen hat, was einige Reeder wiederum verärgert so auffassten, als wäre damit gesagt, sie würden die Schlepper unterstützen.

          Die Reeder haben jedenfalls längst reagiert. Ihre Schiffe sind inzwischen besser auf solche Situationen eingestellt. Doch die medizinische Versorgung reicht nicht aus. Inzwischen gibt es einen internationalen Leitfaden, wie Schiffsbesatzungen in solchen Situationen verfahren sollten, unter anderem mit Sicherheitshinweisen. Zudem sind die Reeder politisch aktiv geworden, mit Briefen an alle EU-Mitgliedstaaten und Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU). Darin wird auf schnelle Hilfe gedrungen. Die staatlichen Rettungsmittel sollten verstärkt werden, mobile medizinische Einsatzkräfte aus der Luft den Schiffen helfen, fordern die Reeder.

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