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Ausstellung in Moskau : Was in der Ukraine vor sich geht

Relikte eines Krieges: Ausstellungsbesucher in Moskau begutachten einen Kleinbus, in dem bei Gefechten in der Ostukraine angeblich 13 Menschen starben. Bild: dpa

Durchlöcherte Autowracks und Sturmgewehre: Eine Ausstellung in Moskau inszeniert mit echten Exponaten den Krieg im Donbass – zum Grusel der russischen Schüler.

          Durch einen schwarzen Vorhang führt der Weg in den Krieg, der hier Bürgerkrieg heißt. In rotem Dämmerlicht begrüßt den Besucher die Pappfigur eines Separatisten mit Sturmgewehr. An den Wänden zeigen Fotos die Reste von Häusern, einen zerschossenen Lastwagen. Vom Band läuft eine Frauenstimme, die verzweifelt die Ukraine zu einem Truppenabzug auffordert. Ein Ventilator verteilt Kunstnebel. Man kann sich in der Mitte des Saals auf eine Scheibe stellen, die sich dreht. Dann rotiert das Grauen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Die Show „Donbass. 365 Tage ATO“ findet auf dem Gelände der „Ausstellung der Errungenschaften der Weltwirtschaft“ im Norden von Moskau statt. Es wurde einst erdacht, um Planwirtschaft und Sowjetherrschaft zu feiern. Die Ausstellung zum Jahrestag des Beginns der Antiterroroperation Kiews gegen die von Russland unterstützen Separatisten ist in den der Ukraine gewidmeten Pavillon eingezogen. Das bunte Glasfenster über dem Eingang beschwört die Vergangenheit in der Kiewer Rus: umjubelter Fürst vor Kirche. Die Ausstellung dokumentiert die Gegenwart. Mit freiem Eintritt und klarer Schuldzuweisung.

          Zur Veranschaulichung des Leids im Donbass dienen Exponate, die angeblich aus dem Kriegsgebiet stammen. Ein verwüstetes Klassenzimmer, ein durchlöcherter Stahlhelm, Patronen. In einem Saal, auf dessen Boden die Umrisse einiger Körper gemalt sind, steht das Wrack eines Kleinbusses. Die weiße Karosserie ist durchlöchert. 13 Personen sollen getötet worden sein, als dieser Wagen im Gebiet Luhansk auf eine ukrainische Antipanzermine gefahren sei.

          Wer ist der nächste?

          Das kann man aber nur erfahren, wenn man eine Aufsichtsperson fragt: Erklärungstafeln zu Exponaten und Fotos gibt es nicht. Auch die Fotografen werden nicht genannt. Aus Sicherheitsgründen, sagt ein junger Mann, der sich als Pawel Orlow und als Helfer der Organisatoren des Projekts „Material Evidence“ vorstellt.

          „Material Evidence“ präsentiert sich im Faltblatt zur Ausstellung als „internationales Projekt, das militärische Konflikte auf der ganzen Welt beleuchtet“. In früheren Ausstellungen ging es um Syrien, den Irak, Afghanistan und auch schon um die Ukraine. Verwiesen wird etwa auf Ausstellungen in Moskau, Brüssel, Berlin und New York. Eine Ausstellung des vergangenen Jahres zu Syrien und der Ukraine, die in New York prominent und mit der Frage „Wer ist der nächste?“ beworben wurde, zog Kritik auf sich: Es werde eine einseitige, russische Sicht vermittelt, das Projekt habe Verbindungen zu nationalistischen Kreisen.

          Orlow sagt mit Blick auf die gegenwärtige Ausstellung, man habe Schuldzuweisungen vermieden. Doch das Faltblatt gibt ausschließlich die offizielle russische Sicht wieder. So, wenn es heißt, die ATO, die zu einem „grausamen Bürgerkrieg“ geführt habe, diene Kiew zur „Unterdrückung von Menschen, die ihre nationale Identität bewahren wollen“. Fahnen der „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk prangen stolz von Reifenstapeln, eine blaugelbe ukrainische Fahne liegt zerknüllt vor einem Militärgeländewagen.

          Ein Volk, das sich einander tötet

          Aus Debalzewe ist der Schriftzug mit dem Namen der Stadt, die vor kurzem nach heftigen Kämpfen an die Separatisten fiel, nach Moskau gebracht worden. Davor fotografieren sich einige Berufsschüler. Einer versichert, sie seien gekommen, um zu sehen, „was in der Ukraine vor sich geht“. Orlow sagt, der Schriftzug solle nach dem Ende der Ausstellung nach Debalzewe zurückgebracht werden.

          Exportiertes Feldlazarett: Aus den Puppen quillt das Gedärm. Bilderstrecke

          Anders das Wrack des Kleinbusses, das wie andere Exponate an „Sammler“ versteigert werden solle, zur Finanzierung weiterer Ausstellungen. Orlow verweist auch auf „private Spender“. Noch bis Sonntag ist die Show im Ukraine-Pavillon zu sehen, wo sie seit dem 7. April schon Tausende Besucher angezogen habe. Dann solle sie in den Westen ziehen. Wohin, ist laut Orlow noch nicht klar.

          Hinter einer Tür mit einer Aufschrift „18+“ ist ein Feldoperationssaal nachgebildet. Figuren zeigen einen Arzt, der über einem Verwundeten steht, aus dessen Bauch Gedärme quillen. Daneben steht ein älterer Mann. „Das ist doch alles nicht normal“, sagt er. „Wir sind ein Volk, und wir töten einander. Wer hätte das vor 20 Jahren geahnt.“

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