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Britische Nachwahl : Das Mysterium von Rochester

Ohne ihn geht nichts: Ukip-Chef Nigel Farage macht Wahlkampf in Rochester Bild: Getty

In der Grafschaft Kent wird an diesem Donnerstag ein Abgeordneter gewählt. Eigentlich nichts besonderes - käme er nicht aus der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip und würde wahrscheinlich gewinnen.

          5 Min.

          Bisher war Rochester, ein historisches Örtchen in der Grafschaft Kent, die „Charles-Dickens-Stadt“. Manche Touristen kamen auch, um die Kathedrale und die Burganlage aus dem 11. Jahrhundert zu bewundern, aber die meisten suchten die Nähe zu Englands großem Erzähler, der hier ein paar Kindheitsjahre verbracht und den Ort später in seinen Büchern unsterblich gemacht hat. In der Fußgängerzone ist nun die Sorge zu hören, dass Rochester demnächst einen anderen Zweitnamen tragen könnte: „Ukip-Stadt“.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Auf dem Bahnhofsvorplatz von Rochester geht es in diesen Tagen zu wie in der Lobby von Westminster. Abgeordnete und Minister eilen aneinander vorbei und grüßen sich über Parteigrenzen hinweg. Noch am Morgen war Premierminister David Cameron in der Stadt, zum fünften Mal. Das ist nichts gegen Nigel Farage: Der Vorsitzende der Ukip, der britischen Unabhängigkeitspartei, brachte es auf acht Besuche. So viele Politiker kommen gerade nach Rochester, dass sich manche Einwohner belästigt fühlen. Einigen politischen Besuchern aus London wurde schon bedeutet, von einem öffentlichen Auftritt abzusehen und lieber beim Plakatekleben zu helfen.

          Das ganze Königreich wird an diesem Donnerstag auf das kleine Rochester gucken, wenn es gemeinsam mit den Nachbarortschaften Chatham und Strood einen neuen Abgeordneten für das Londoner Unterhaus wählt. An den Machtverhältnissen kann diese Nachwahl nichts ändern; rechnerisch würde die Regierungskoalition den Verlust des konservativen Wahlkreises kaum spüren. Aufsehen erregt die Nachwahl, weil sie mit Mark Reckless einen weiteren Ukip-Abgeordneten ins Unterhaus bringen könnte.

          Die Wahl ist laut einer Kundenbefragung eines Bonbon-Ladens eigentlich schon entschieden. Bilderstrecke

          Der erste, Douglas Carswell, hatte sich im vergangenen Monat in Clacton ins Parlament wählen lassen - nach dem gleichen Muster: Erst verabschiedete er sich aus Partei und Fraktion der Konservativen, dann trat er im eigenen Wahlkreis unter Ukip-Banner wieder an. Als Carswell mit überwältigender Mehrheit gewählt wurde, versprach ein zorniger Cameron, dass dies ein Einzelfall bleiben und die Partei alles in ihrer Macht Stehende tun werde, um Mark Reckless einen ähnlichen Sieg im Wahlkreis Rochester zu verbauen. Ziel müsse es sein, sekundierte die Tory-nahe Presse im Land, das „Momentum“ zu brechen, das Ukip derzeit von Erfolg zu Erfolg treibe.

          Das war im Oktober. Inzwischen genügt ein Gang über die High Street von Rochester, um festzustellen, dass die Ukip vor ihrem nächsten Triumph steht. Im Wahlkampfbüro der Tories gewinnt man den Eindruck, die Partei habe sich mit einer Niederlage schon abgefunden. An einen Sieg glaubt nicht einmal der Pressesprecher: „Ich würde sagen, wir kämpfen um jede Stimme“, sagte er mit gereiztem Unterton. Wie viel fröhlicher wird der Besucher dagegen im Büro der Ukip empfangen, das ein paar Meter die Straße hinauf liegt.

          In Scharen strömen freiwillige Helfer in die Wahlkampfzentrale, um die letzten Ukip-Briefe in Empfang zu nehmen, die es einzuwerfen gilt. An den Wänden hängen Landkarten des Wahlkreises, auf denen die abgearbeiteten Viertel mit rotem Filzstift gekennzeichnet sind. Zwölf Prozentpunkte, hieß es in der letzten Umfrage, liegt Ukip-Kandidat Reckless vor seiner früheren Parteifreundin Kelly Tolhurst, die die Konservativen nach einer Bürgerabstimmung ins Rennen geschickt haben; die Labour Party, die Rochester noch vor 2010 im Unterhaus vertreten hat, ist abgeschlagen.

          Ein Blick in den Ukip-Laden zeigt, dass Camerons berühmt gewordenes Verdikt nicht mehr zutrifft. Als „Verrückte, Deppen und heimliche Rassisten“ lassen sich die Helfer in Rochester kaum beschreiben. Eher kommen sie, wie es in England gern heißt, „from all walks of life“: junge Selbständige in Nadelstreifen, tätowierte Arbeiter, bürgerlich gekleidete Frauen im mittleren Alter. Tim Rolt ist IT-Fachmann aus Hampshire und hat einen freien Tag genutzt, um in Rochester mit anzupacken. Als eingebürgerter Brite lässt sich der gebürtige Litauer ungern nachsagen, er sei ausländerfeindlich. Sieben europäische Sprachen beherrsche er, sagt er in fließendem Deutsch, und gerade weil er die Vielfalt Europas so liebe, sehe er die EU so kritisch: „Die macht aus allem eine graue Soße.“

          EU und Einwanderung, das sind die beiden Reizthemen, die der Ukip ihren Zulauf bescheren - umso mehr, seit Nigel Farage einen Zusammenhang zwischen ihnen herstellt: Großbritannien werde „überfordert“, weil es die Zuwanderung aus Europa nicht steuern könne. So sehr verfing die These, dass Premierminister Cameron sie wider besseres Wissen übernahm. Seit Wochen mäkelt er öffentlich am Freizügigkeitsprinzip der Europäischen Union herum und fordert Änderungen oder britische Sonderregelungen. Dass das Problem eher in London als in Brüssel liegt - daran wird er nur noch von Ausländern erinnert. Während Deutschland einfach vom Recht auf Übergangsregelungen Gebrauch gemacht habe, habe das Königreich die Grenzen geöffnet und freiwillig eine Million Osteuropäer ins Land gelassen, erinnerte der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Bundestag, Gunther Krichbaum, Anfang der Woche in London.

          Unter den britischen Konservativen wächst die Verzweiflung, was gegen die populistischen Parvenüs auszurichten ist. Die Tories hätten nun alles versucht, analysierte die „Financial Times“ in dieser Woche: „Verachtung, autoritäre Gleichgültigkeit und, seit einigen Jahren, Schmeichelei durch Imitation“. Langsam sei es Zeit, einzusehen, dass die Reaktionen der etablierten Parteien keinen Einfluss auf das Phänomen Ukip hätten. Ratlos befand der Kolumnist Janan Ganesh: „Ukips Erfolg ist eine mysteriöse Sache.“

          Rochester scheint diese These zu stützen. Die Strukturkrise nach der Schließung der Werft in Chatham ist halbwegs überwunden. Heute beherbergt das Gelände des „Historical Dockyard“ Teile des Dickens-Museums, ein Einkaufszentrum und ein Hotel; eine Universität grenzt an. Die schier unbezahlbaren Hauspreise im nahe gelegenen London haben Pendler angelockt, die neues Geld in die Stadt bringen. Auf der schmucken High Street halten sich Feinkostläden, modern gestylte Friseursalons und Nagelstudios. Rochester ist vielleicht keine Perle in der britischen Krone, aber auch kein rostiger Nagel. Wo kommt nur die Proteststimmung her?

          Es gibt Ausländer, mehr als früher, aber nicht mehr als anderswo im Land. Europa gilt hier nicht sosehr als Bedrohung, sondern als Ausflugsziel. Man muss nur zum Bahnhof gehen und ist in einer Stunde in Calais. All das weiß auch Alan, der am Bahnhofsvorplatz auf Kundschaft wartet, und trotzdem will er den etablierten Parteien einen „Denkzettel“ verpassen. Alan fühlt sich „von Westminster belogen und finanziell ausgenommen“. Tories oder Labour, das ist für ihn nicht mehr die Alternative: „Ich will weder von diesen Lackaffen regiert werden noch von einer Partei, die immer nur Geld ausgibt.“

          Es ist diese Stimmung, die Mark Reckless wohl ins Unterhaus bringen wird. Als er im Wendehammer des „Oliver Twist Close“ die erste Klingel des Tages drückt, öffnet ihm eine alte dicke Frau mit weißen Frotteelatschen. Sie strahlt ihn an und sagt, er könne sich seine kostbare Zeit sparen - sie werde ihn sowieso wählen. „Überwältigt“ sei er vom Zuspruch der Wähler und dem Elan seiner Helfer, sagt Reckless, als er, am Ufer des Medway entlang, zurück in die Wahlkampfzentrale läuft.

          Bei seinen Hausbesuchen wirbt Reckless mit praktischen Vorschlägen: Die Qualität des örtlichen Krankenhauses müsse verbessert werden, weshalb er die Verwaltungsstruktur verändern will. Rochesters Schulen schneiden im Landesvergleich schlecht ab, daher setzt er sich für die Rückkehr zur guten alten „Grammar School“ ein. Wenn ihn die Journalisten der nationalen und internationalen Medien fragen, warum er die Partei gewechselt hat, hält er eine grundsätzlichere Antwort parat: „Ich will die Macht von Brüssel nach Westminster bringen und die Macht von der Zentrale an die Basis.“

          Reckless inszeniert sich, wie sein Kollege Carswell, als Konvertit aus Überzeugung, als ehrlicher Wahlkreisvertreter, der seine Versprechen nur einhalten kann, wenn er die Partei wechselt. In London wird viel darüber spekuliert, ob weitere Tories überlaufen, wenn an diesem Donnerstag der zweite Wahlkreis an die Ukip verloren geht. Dies käme Cameron sehr ungelegen. In weniger als sechs Monaten wird das neue Unterhaus gewählt, und der Premierminister, dem nur der Chef der Labour Party, Ed Miliband, das Amt streitig machen kann, wirbt mit der Rechnung, dass ein Kreuz für Ukip eine verlorene Stimme ist. „Wer mit Farage ins Bett geht, wacht mit Miliband auf“, sagt Cameron gerne. Jeder Wahlkreis, den die Ukip den Tories abjagt, schwächt das Argument.

          Noch vor wenigen Wochen wurde eine Revolte gegen Cameron für möglich gehalten, sollten die Tories trotz des hohen Einsatzes Rochester verlieren. Doch in Erwartung der offenbar unabwendbaren Niederlage ist die Partei zusammengerückt. „Über Rochester wird Cameron nicht stürzen“, versichert William Cash, einer der Anführer der konservativen EU- und Cameron-Kritiker. Cash, dessen Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts zum Inventar des politischen Königreichs gehört, wirkt ein bisschen demütig: Vor wenigen Wochen ließ sich sein eigener Sohn, William Cash der Jüngere, als Kandidat der Populisten aufstellen.

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