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Großbritannien : Muslimischer Kandidat gewinnt Wahl in London

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Sadiq Khan nach Bekanntgabe seines Wahlsieges. Im Hintergrund links der unterlegene Kandidat der Konservativen, Zac Goldsmith Bild: AFP

Der Labour-Politiker Sadiq Khan ist der erste muslimische Bürgermeister Londons. Der Sohn pakistanischer Einwanderer gewann deutlich. Ein Gegenkandidat demonstrierte seine Abneigung.

          London hat zum ersten Mal einen muslimischen Bürgermeister gewählt. Der Labour-Politiker Sadiq Khan setzte sich nach Angaben der Wahlbehörden vom frühen Samstagmorgen gegen seinen konservativen Rivalen Zac Goldsmith mit deutlichem Vorsprung durch.

          Damit übernimmt die Arbeiterpartei nach acht Jahren wieder das Ruder in der britischen Hauptstadt. Khan erklärte nach der Bekanntgabe der Stimmenauszählung: „Ich möchte jedem einzelnen Londoner dafür danken, dass er das Unmögliche möglich gemacht hat.“

          In seiner Dankesrede nahm Khan in der Nacht Bezug auf den mit harten Bandagen geführten Wahlkampf, in dem die Konservativen ihm Sympathien für islamische Extremisten unterstellt hatten. „London hat für die Hoffnung und gegen die Furcht, für die Einheit und gegen die Spaltung gestimmt“, sagte der 45-Jährige. Das mache ihn stolz.

          Provokante Geste von rechts

          „Furcht macht uns nicht sicherer, sie macht uns nur schwächer“, sagte er. Khan versprach, ein „Bürgermeister für alle Londoner“ zu sein. Bei Khans Siegesrede waren auch die Kandidaten der anderen Parteien auf der Bühne. Der Kandidat der rechtsgerichteten Partei Britain First, Paul Golding, drehte Khan bei dessen Ansprache demonstrativ den Rücken zu.

          Der Sohn pakistanischer Immigranten tritt die Nachfolge von Boris Johnson an. Der populäre konservative Bürgermeister Johnson war nach acht Jahren nicht mehr angetreten.

          Labour-Partei kann Debakel abwenden

          Bei den Regional- und Kommunalwahlen in Großbritannien musste Labour ansonsten vor allem in Schottland schmerzliche Verluste verkraften. Ein Debakel konnte die Partei von Jeremy Corbyn aber abwenden: Bei den Kommunalwahlen in England schlug sich Labour besser als erwartet. Die EU-feindliche Ukip-Partei kann in Wales zum ersten Mal ins Parlament einziehen.

          Offiziell hält Khan zu Parteichef Corbyn, er hält aber auch immer ein bisschen Distanz zu ihm. Als vor allem Politiker des linken Parteiflügels kurz vor der Wahl in eine Antisemitismus-Debatte schlitterten, sparte er nicht mit Kritik. Rasch verurteilte er umstrittene Hitler-Äußerungen des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone. Der wurde vorläufig aus der Labour-Partei ausgeschlossen.

          Kind pakistanischer Einwanderer

          Als Kind pakistanischer Einwanderer wuchs Khan in einfachen Verhältnissen im Londoner Süden auf und arbeitete sich nach oben. Der Vater war Busfahrer, die Mutter Näherin. Khan fing schon früh an, neben der Schule zu arbeiten. Er studierte Jura und wurde Menschenrechtsanwalt, bevor er 2005 ins Parlament einzog und als Verkehrsminister unter Gordon Brown diente. Er ist Vater zweier Töchter im Teenager-Alter.

          Labour-Politiker Sadiq Khan mit seiner Frau Saadiya-Khan

          Im September 2015 gewann Khan die Nominierung als Bürgermeisterkandidat der Labour-Partei in einer Londoner Urwahl. Er versprach Tausende neuer Wohnungen zu bauen, um den enormen Druck vom Immobilienmarkt der britischen Hauptstadt zu nehmen. Die Ticketpreise des Londoner Nahverkehrs sollten für vier Jahre eingefroren werden. „Ich will der wirtschaftsfreundlichste Bürgermeister Londons werden“, sagte Khan, der dem moderaten Flügel der Labour-Partei zugerechnet wird.

          Angriffe wegen Religion

          Für seine konservativen Gegner bietet Khan vor allem eine offene Flanke: seine Religion. Seit er sich auf den Posten des Londoner Bürgermeisters bewarb, musste er sich immer wieder gegen Vorwürfe wehren, er habe Kontakte zu radikalen Islamisten.

          Khans konservativer Herausforderer Zac Goldsmith veröffentlichte noch wenige Tage vor dem Wahl einen Gastbeitrag in der Boulevardzeitung „Daily Mail“, der mit dem Foto eines zerstörten Linienbusses von den Terroranschlägen 2005 in London bebildert war. Sollte Khan gewählt werden, stünde die Stadt kurz vor einer Katastrophe, schrieb Goldsmith.

          Das schien wie ein verzweifelter Versuch, die öffentliche Meinung auf die Schnelle noch einmal zu beeinflussen, denn Goldsmith lag in den Umfragen klar hinter Khan. London, das acht Jahre mit dem konservativen Bürgermeister Boris Johnson hinter sich hat, wird zunehmend zur Labour-Hochburg.

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          Keine Schmach für Corbyn

          Nach Corbyns Wahl zum Labour-Chef im Spätsommer waren die Regional- und Kommunalwahlen als sein erster Test gewertet worden. Im Vergleich zu den Wahlen 2011 und 2012 musste seine Partei zwar Verluste hinnehmen. Die große Schmach blieb dem Oppositions-Chef aber erspart. In England verlor die Partei gut zwei Dutzend Mandate - wesentlich weniger als erwartet. „Wir sind drangeblieben und haben vielerorts Unterstützung gewonnen“, sagte Corbyn.

          Der konservative britische Premier David Cameron erklärte, der von Medien „Super Thursday“ getaufte Wahltag habe gezeigt, dass die Arbeiterpartei die Verbindung zu den Wählern „völlig verloren“ habe. In Schottland musste Corbyns Partei eine Niederlage einstecken. Hier überholten die Konservativen Labour: Sie wurden zweitstärkste Kraft hinter der linksgerichteten schottischen Nationalpartei (SNP).

          Schotten-Partei gewinnt schon wieder

          Deren Chefin Nicola Sturgeon feierte am Freitag den dritten Wahlsieg ihrer Partei in Folge. „Wir haben Geschichte geschrieben“, erklärte die schottische Ministerpräsidentin. Die absolute Mehrheit verloren die Separatisten aber. Im März hatte die SNP angekündigt, nach dem Referendum über die britische EU-Mitgliedschaft am 23. Juni erneut für die Abspaltung Schottlands vom Vereinigten Königreich werben zu wollen. Sturgeon will nun eine Minderheitsregierung bilden.

          In Wales wurde Labour wieder mit Abstand stärkste Kraft. Hier ergatterten die Ukip-Rechtspopulisten mehrere Sitze und sind künftig zum ersten Mal überhaupt im Parlament vertreten. Auch in England gewann die EU-feindliche Partei dazu. Ukip-Chef Nigel Farage sprach von einem „Durchbruch“. Millionen Briten hatten am Donnerstag neue Regional- und Kommunalparlamente sowie neue Bürgermeister in London und anderen Städten gewählt.

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