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Armut in Großbritannien : Hunger in der Schokoladenkiste

Dosen für Briten: Die Organisation Real Aid versorgte früher Sierra Leone, Bosnien und Albanien. Bild: Andrew Testa/PANOS/VISUM

Fast wie bei Charles Dickens: Die Einkünfte mancher Familien in Großbritannien reichen nicht einmal mehr für das Essen. Sie stehen Schlange vor den „Food Banks“ – sogar mitten in Oxford.

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          Vor dem Familienzentrum „Donnington Doorstep“ hält jetzt dreimal pro Woche ein weißer Lieferwagen. „Oxford Food Bank“ steht auf den Schiebetüren, hinter denen sich Paletten mit frischen Lebensmitteln stapeln. Sie wurden aussortiert von den Supermärkten der Stadt, manche, weil das Haltbarkeitsdatum abläuft, manche wegen kleinerer Verpackungsschäden, manche aus unerfindlichen Gründen. Die heutige Lieferung umfasst sogar Datteln, die bis zum 17. Januar haltbar sind, was Sandra Ruge, die mit einer grünen Kochschürze hinter der Essensausgabe steht, besonders freut: „So gut und gesund haben wir früher nie gegessen“, schwärmt sie. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Neben der Theke sind die Preise für das Mittagessen angeschlagen: 3,75 Pfund für eine ganze Portion, 2 Pfund für eine halbe. Das ist nicht teuer. Daisy, die fast jeden Tag hier verbringt, bekommt für weniger als zehn Euro ihre zwei Jungen und sich selbst satt. Andere sind nicht so flüssig wie Daisy, die mit ihrer Sozialhilfe, wie sie sagt, „gut haushalten“ kann. Diese anderen, die zu viel für Zigaretten oder im Pub ausgegeben haben oder aus anderen Gründen gerade kein Geld in der Tasche haben, stehen dann an der Essensausgabe und murmeln, dass sie leider nicht zahlen können. „Dann geben wir ihnen natürlich trotzdem Essen“, erklärt die Köchin. „In Wahrheit geht es genau darum.“

          Worum – um Hunger? In Oxford? Redet die Köchin gerade von Notverpflegung in einer Stadt, die so geordnet und pittoresk wirkt, dass sie von den Briten als „Chocolate Box“ bezeichnet wird? Die Köchin nickt. Sie gehört, wie die ganze Belegschaft des „Donnington Doorstep Family Centres“, zu jenen Briten, die eine neue Armut aufziehen sehen. In manchen Zeitungsartikeln ist sogar schon von einer Nation die Rede, die in geflickten Stiefeln in die Welt von Charles Dickens zurückmarschiert, als sich die Arbeiterkinder noch mit knurrendem Magen um eine Schale Suppe schlagen mussten.

          „Erschüttert“ äußerte sich der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, am Wochenende. Er war gerade von einer Reise nach Kongo zurückgekehrt und hatte danach eine britische Familie beobachtet, die auf ein kostenloses Essen wartete. In Afrika habe er „weitaus Schlimmeres“ gesehen, schrieb er in der „Mail on Sunday“, aber eine solche Szene in Großbritannien habe ihn mehr verstört. Einerseits würden im Königreich Nahrungsmittel im großen Stil verschwendet, andererseits seien „weite Teile des Landes von Hunger geplagt“, schimpfte er. „Wir machen das nicht in diesen Land, und das muss aufhören!“

          Ein „soziales Dünkirchen“

          Es war die Fanfare für einen Bericht, der Anfang der Woche von einer Gruppe von Parlamentariern aller Parteien (unter Mitarbeit der anglikanischen Kirche) vorgestellt wurde. „Feeding Britain“ ist er überschrieben – Großbritannien ernähren. Darin zählen die Autoren auf, dass seit 2004 mindestens 1500 Orte entstanden sind, an denen kostenfreies Essen ausgegeben wird – die meisten von ihnen in den vergangenen sechs Jahren. Mehr als 900000 Menschen lassen sich jährlich alleine von der Wohltätigkeitsvereinigung „Trussel Trust“ versorgen, die die Hälfte aller „Food Banks“ unterhält. Für die Autoren des Berichts ist „klar, dass die Nachfrage nach Notfall-Nahrungshilfe steigt – und manchmal dramatisch steigt“.

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