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Griechenlands Schuldenkrise : Merkels schwerste Stunde

Der wichtigste Tag ihrer Kanzlerschaft - und Europas: Angela Merkel steht an diesem Sonntag vor der schwierigsten Entscheidung ihrer politischen Laufbahn Bild: Reuters

Am Sonntag geht es um die Zukunft der Europäischen Union - und um die der Kanzlerin. Drückt sie ein neues Hilfsprogramm durch den Bundestag? Oder bricht sie mit Frankreich?

          Wenn Angela Merkel an diesem Sonntag nach Brüssel kommt, steht sie vor der schwersten Entscheidung in zehn Jahren Kanzlerschaft. Entweder stimmt sie einem dritten Hilfsprogramm für Griechenland zu. Dann müsste sie in der Unionsfraktion für eine Mehrheit kämpfen, um mindestens 74 Milliarden frische Euro nach Griechenland zu schicken. Oder Merkel leitet einen Grexit ein, der Deutschland ebenfalls teuer zu stehen käme und viele politische Unwägbarkeiten mit sich brächte. Auf dem Spiel stehen: ihr Ansehen als Europas heimliche Regierungschefin, das Verhältnis zu Frankreich und sogar ihre Kanzlerschaft, wenn sie nicht genügend Abgeordnete hinter sich bringt. Es gibt jetzt nichts mehr zu gewinnen. Die Frage ist nur, bei welcher Option die Kanzlerin am wenigsten verliert. So laufen fünf Monate des Ringens um und mit Griechenland auf ein dramatisches Finale zu.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Woche der Entscheidung begann am vergangenen Sonntagabend mit mehreren Telefonaten zwischen Merkel, dem französischen Präsidenten Hollande, Kommissionschef Juncker und EZB-Chef Draghi. Die große Mehrheit der Griechen, mehr als sechzig Prozent, hatte soeben gegen eine Fortsetzung der Sparpolitik gestimmt. Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Alle Telefonate kreisten um diese Frage. Merkel und Juncker waren erbost über das Ergebnis in Griechenland. Der Kommissionschef hatte sich vorher in einer emotionalen Rede an die Griechen gewandt und sie bekniet, mit Ja zu stimmen. Er musste das Ergebnis als politische Niederlage werten. Merkel hatte sich weniger eindeutig geäußert und gesagt, die Tür bleibe auch nach einem Nein offen. Gleichwohl hatte sie so wenig wie Juncker mit einem derart klaren Ausgang der Volksabstimmung gerechnet. Beide, Merkel und Juncker, nahmen in den Telefonaten mehrfach das Wort „Grexit“ in den Mund.

          Hollande setzte eigene Akzente

          Nicht so François Hollande. Der französische Präsident sprach von Solidarität. Er sagte, dass die Griechen trotz des Neins im Euro bleiben wollten. Hollande hatte sich bis dahin stets im Hintergrund gehalten und sich Merkels Kurs angepasst. Das war auch seinen eigenen Leuten aufgefallen, er stand unter Druck. Viele Sozialisten bewundern Alexis Tsipras, sie hätten auch gerne einen so charismatischen und unkonventionellen Führer. Hollande spürte das. Nun trat er in die erste Reihe und forderte: Wir müssen einen Grexit um jeden Preis vermeiden. So begann eine französische Woche, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat.

          Am Montagabend fuhr Merkel nach Paris. Sie traf sich mit Hollande im Elysée-Palast, dem Amtssitz des Präsidenten. Ein Arbeitsessen, bei dem kaum Appetit aufkommen konnte. Beide telefonierten vorher und nachher getrennt mit Juncker. Ihr Plan, mit dem Kommissionschef abgestimmt, sah so aus: Tsipras sollte eine allerletzte Chance bekommen und bis Donnerstag das Reformprogramm der Institutionen annehmen, das er und die Griechen gerade abgelehnt hatten. Am Samstag sollten die Finanzminister über die Lage beraten, am Sonntag die Regierungschefs.

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