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Zwangsanleihe : Warum Deutschland an Athen zahlen soll

Als Besatzungsmacht hatte das Deutsche Reich der griechischen Nationalbank eine Zwangsanleihe von 476 Millionen Reichsmark auferlegt. Bild: Picture-Alliance

Deutschland soll Griechenland elf Milliarden Euro schulden – als Folge der Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Das sagt nicht nur Ministerpräsident Tsipras, sondern auch Linksfraktionschef Gysi. Wie kommen sie darauf?

          4 Min.

          Gregor Gysi, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, hat sich der Darstellung von Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras angeschlossen: Deutschland, so Gysi, habe noch Schulden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bei Griechenland. Als Besatzungsmacht habe das Deutsche Reich der griechischen Nationalbank nämlich eine Zwangsanleihe von 476 Millionen Reichsmark auferlegt und nie zurückgezahlt. Mit Zinsen habe Athen daher heute eine „berechtigte Forderung in Höhe von acht bis elf Milliarden Euro“ gegen Berlin, sagte Gysi der „Leipziger Volkszeitung“ und fragte: „Wie will man jetzt von Griechenland die Rückzahlung von Darlehen verlangen, wenn man eigene niemals zurückgezahlt hat?“

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die 476 Millionen tauchen auch in deutschen und griechischen Medien oft auf. Die Zahl stammt aus einer 251 Seiten umfassenden Akte, die unter der Signatur „R27320“ im Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin lagert. Der Ordner mit dem Titel „Sonderbevollmächtigter Südost“ enthält den Abschlussbericht von deutschen Verwaltungsbeamten, die von 1941 bis 1944 in Athen stationiert waren. Bemerkenswert an der Akte ist zunächst ihr Entstehungszeitpunkt: Die Berichte wurden am 12. April 1945 fertiggestellt – vier Tage vor Beginn der sowjetischen Großoffensive auf Berlin, 18 Tage vor Hitlers Selbstmord, weniger als einen Monat vor der Kapitulation des Deutschen Reiches. Wer um alles in der Welt sollte sich damals in Berlin noch für irgendwelche Tabellenkalkulationen aus der im Oktober 1944 zu Ende gegangenen deutschen Besatzungszeit in Griechenland interessiert haben?

          Besatzungskosten in Übereinstimmung mit Völkerrecht

          Liest man die Akte gründlich, wird die Antwort zwischen den Zeilen deutlich. Zwar hüteten sich die Autoren, die Tatsache der deutschen Niederlage auszusprechen, denn „Defätismus“ hätte in den Wahnsinnstagen des „Endkampfs“ um die Reichshauptstadt lebensgefährlich sein können. Doch zeigt sich an mehreren Stellen, dass die Verfasser mit ihren Berechnungen bereits die Nachkriegszeit im Sinn hatten. So weist ein gewisser Oberregierungsrat Nestler darauf hin, dass einige Wehrmachtseinheiten beim Einmarsch in Griechenland 1941 für von Griechen gelieferte Waren oder Dienstleistungen auf Reichsmark lautende Empfangsbestätigungen ausgestellt hatten und warnt: „Bei künftigen Verhandlungen werden die Griechen von neuem den Standpunkt vertreten, dass das Reich für die Einlösung der Empfangsbescheinigungen aufzukommen hat.“ Dass „künftige Verhandlungen“ schwerlich vom NS-Regime geführt werden würden, verstand sich von selbst.

          Auch die Entstehung der 476 Millionen Reichsmark deutscher Schulden stellt sich zumindest nach Aktenlage etwas anders dar. Von einer „Zwangsanleihe“ (oder überhaupt einer Anleihe) ist nicht die Rede. Womöglich mieden die bereits an ihre Nachkriegskarrieren denkenden Autoren das Wort bewusst. Als Griechenland 1941 von Deutschland und Italien (sowie Bulgarien, aber das ist hier nebensächlich) besetzt wurde, wiesen die Besatzungsmächte die Regierung in Athen an, sie müsse sämtliche mit der Okkupation ihres eigenen Landes anfallenden Kosten selbst tragen. Das war ausnahmsweise nicht eine Perfidie von Faschisten und NS-Regime, sondern seit der Haager Landkriegsordnung von 1899/1907 völkerrechtlich anerkannter Standard. Doch bald zeigte sich, dass Griechenland, schon vor Kriegsbeginn stark verschuldet, die Last nicht tragen konnte.

          Was die deutschen Beamten nicht einberechneten

          Dazu schreiben die beiden tschechischen Historikerinnen Katerina Kralova und Nikola Karasova, spezialisiert auf die moderne Geschichte Griechenlands, Berlin habe Athen im März 1942 gezwungen, eine Anleihe bereitzustellen, die Deutschland bis zum Abzug 1944 genutzt habe. Dieser Vorgang wird in der deutschen Akte aus naheliegendem Grund anders interpretiert. Dort heißt es, die Regelung, dass Griechenland die Besatzungskosten voll zu tragen habe, sei durch eine „deutsch-italienische Vereinbarung“ vom 14. März 1942 eingeschränkt worden, wonach „die griechische Regierung nur im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit zur Tragung der Besatzungskosten heranzuziehen war“. Es wurde eine monatliche „Abschlagszahlung“ an die Deutschen und Italiener von je 1,5 Milliarden Drachmen festgesetzt, die ab November 1942 der Inflation angepasst wurde.

          Aus dieser Differenz und anderen Faktoren errechneten Fachleute der Reichsbank 1945 die mögliche Höhe deutscher Schulden an Athen. Doch im Chaos des Kriegsendes waren kaum noch Unterlagen verfügbar, viele Autoren zitierten aus dem Gedächtnis. So wurde rasch klar, dass das Endergebnis letztlich nur eine Schätzung war – die von den Autoren zudem noch unter Vorbehalt gestellt wurde. So sei die Hälfte der deutschen Schulden eigentlich Italien anzurechnen, das zumindest bis September 1943 Griechenland gemeinsam mit dem Reich besetzt hielt. Zudem habe die Wehrmacht 25 Prozent des Geldes griechischen Bauern im Lande gezahlt, um Nahrungsmittel zu kaufen.

          Gut sechs Prozent seien an griechische Beschäftigte der Wehrmacht gegangen (Putzfrauen, Bedienstete, Fuhrleute), mehr als 50 Prozent auf Baukosten entfallen. Nach langen Berechnungen und Spekulationen kommen die Autoren schließlich zu dem Schluss, gegenüber Athen bestehe noch eine „deutsche Restschuld von 299 Billionen Drachmen“.

          Aber was hieß das bei der griechischen Hyperinflation? Der offizielle Kurs der Reichsmark-Drachme lautete 1:60, doch in Wirklichkeit wurde längst in Billionen gerechnet. Verschiedene Umrechnungsmethoden wurden erwogen und wieder verworfen. Der Lebenshaltungskostenindex der Bank von Griechenland? Stützt sich auf für die Wehrmacht unmaßgebliche Waren und Leistungen! Der Preis für Olivenöl? Auch unbrauchbar, da Olivenöl zur Besatzungszeit „die größte Mangelware und zugleich gesuchtes Spekulationsobjekt“ gewesen sei. Ähnlich Gold. Nach vielen Korrekturen wird schließlich die deutsche „Restschuld“ auf 476 Millionen Reichsmark geschätzt. „Diese Zahlen dürften dem tatsächlichen Wert der griechischen Leistungen und der deutschen Erstattungen nahekommen“, heißt es in der Akte. Etwas vergaßen die skrupulösen deutschen Beamten allerdings bei ihrer Abrechnung: die Zerstörungen ganzer Orte, die Kriegs- und die Hungertoten, die Massaker und die verbrannte Erde, die das Deutsche Reich in Griechenland hinterlassen hatte.

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