https://www.faz.net/-gq5-7z050

Griechenland-Wahl : „Syriza steht für die Rückkehr zur Korruption“

  • Aktualisiert am

Wofür steht Syriza?

Für die Rückkehr zu dem System der Korruption, des Nepotismus und des Klientelismus, das Griechenland ruiniert hat – auch wenn die Partei behauptet, das Gegenteil zu wollen. Die Vorgeschichte von Syriza beginnt 1968, als eine Gruppe Intellektueller sich von der stalinistischen und moskauhörigen Kommunistischen Partei Griechenlands abspaltete, und seitdem, unter wechselnden Namen und Flaggen, bis zur Krise als Mini-Partei vier oder fünf Prozent der Stimmen erhielt. Sie war stets das Lieblingskind der Intellektuellen und Akademiker. Ihren kometenhaften Aufstieg verdankt die Partei allein dem Protestvotum als Folge der Austeritäts- und Sparpolitik. Sie wurde auf einmal nicht mehr nur von Intellektuellen gewählt, sondern von den breiten Schichten, die Opfer der Misswirtschaft von korrupten politischen Eliten wurden. Von Eliten freilich, die die Griechen in regulären parlamentarischen Wahlen gewählt hatten. Pasok und Nea Dimokratia, die in drei Jahrzehnten die Staatsschuld auf 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts trieben, waren ja nicht etwa eine Junta, die mit einem Putsch die Macht ergriffen hätte. Sie wurden gewählt.

Sie haben gesagt, Alexis Tsipras wisse sehr genau, dass die Währungsunion erpressbar sei, er habe seine Strategie auf diese Schwäche abgestellt. Wie meinen Sie das?

Der Erfolg der euroskeptischen Parteien – auch wenn diese Parteien gegenwärtig sehr heterogen sind –, hat gezeigt: Die Bürger der starken, solide wirtschaftenden Staaten beginnen zu begreifen, dass sie für die Misswirtschaft und die Korruption der Länder des Südens aufzukommen haben. Zwar werden gerade von deutscher Regierungsseite immer wieder die Vorteile der Gemeinschaftswährung für den deutschen Export betont, aber dies verfängt nicht mehr wie früher. Die Dynamik des deutschen Exports hat längst die engen europäischen Grenzen gesprengt. Der pazifische Raum ist unendlich wichtiger für die deutsche Wirtschaft als ihre Exporte nach Griechenland, Portugal oder Spanien. Im Rat der Europäischen Zentralbank haben sich die Fronten zwischen den ökonomisch starken Ländern Nordwesteuropas und den Ländern des Südens mit ihrer geringen Wettbewerbsfähigkeit längst verhärtet. Dabei haben die Länder des Nordens, der „Nordblock“, ein viel geringeres Gewicht im EZB-Rat. Sie können unter den bestehenden Verhältnissen strenge finanzpolitische Regeln, die zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit in der Währungsunion unerlässlich sind, nicht durchsetzen. Dieser Misserfolg des Euro lähmt die Rettungseuropäer und macht sie weich gegenüber den Ansprüchen von Herrn Tsipras. Darin liegt die Erpressbarkeit der Europäer – und das weiß Tsipras sehr gut.

Was erwarten Sie für die kommenden Monate?

Ich fürchte, dass Griechenland mit einer Syriza-Regierung den letzten Rest von Respekt und Glaubwürdigkeit im Westen verlieren wird – einen Respekt, den es einst durchaus besaß, als Massen von Studenten und demokratisch engagierten Bürgern in Frankfurt und anderswo gegen die griechische Junta und für die Demokratie demonstrierten.

Michael Kelpanides

Der emeritierte Professor für Soziologie an der philosophischen Fakultät der Aristoteles-Universität Thessaloniki, Michael Kelpanides, ist einer der scharfsinnigsten Denker Griechenlands. Da er unmissverständliche Kritik an den politischen Zuständen in Griechenland übt, ist Kelpanides in seiner Heimat ein Außenseiter der intellektuellen Debatte. Umso gefragter sind seine Ansichten im Ausland. Im Juni 2014 diskutierte er in Deutschland auf Einladung von Bundespräsident Gauck im Schloss Bellevue mit den Historikern Christopher Clark (Cambridge) sowie Herfried Münkler und Karl Schlögel (Berlin) über die Frage „Hat Europa aus dem Ersten Weltkrieg gelernt?“.  Mehrere seiner Bücher wurden ins Deutsche übersetzt. Zuletzt erschien: „Politische Union ohne europäischen Demos? Die fehlende Gemeinschaft der Europäer als Hindernis der politischen Integration.“ (Nomos Verlag, Baden-Baden 2013). (tens.)

Weitere Themen

Deutschland könnte zweiter Corona-Welle entgehen Video-Seite öffnen

Virologe Drosten: : Deutschland könnte zweiter Corona-Welle entgehen

Der Virologe Christian Drosten hält es für möglich, dass Deutschland eine zweite Corona-Welle erspart bleibt. „Vielleicht entgehen wir einem zweiten Shutdown“, sagte der Virologe vom Berliner Universitätsklinikum Charité.

Surinam vor Machtwechsel?

Parlamentswahl : Surinam vor Machtwechsel?

Bei der Parlamentswahl im südamerikanischen Surinam hat sich die Opposition durchgesetzt. Steht der frühere Diktator und heutige Präsident Desiré Bouterse vor der Ablösung?

Topmeldungen

Polizeigewalt in Minneapolis : Ein amerikanisches Grundübel

Die tödliche Mischung aus Rassismus und Polizeigewalt quält Amerika seit langem. Immerhin wächst das Bewusstsein für das Unrecht. Doch Donald Trump macht eine Lösung noch schwieriger.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.