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Vor den Parlamentswahlen : Griechische Flusslehre

In der Blackbox: Potami-Chef Stavros Theodorakis nach einem Treffen mit seinen Anhängern in Athen Bild: ANGELOS TZORTZINIS/The New York

Vor der Parlamentswahl sehen Umfragen die Linksradikalen vorn. Doch Syriza braucht einen Koalitionspartner. Es könnte Potami werden – eine Partei, die gegensätzlicher nicht sein kann: Sie wartet mit anerkannten Fachleuten auf.

          Zu den Lieblingsaussagen von Antonis Samaras gehört die Feststellung, dass Athen nicht Weimar sei. Im September versicherte Griechenlands mutmaßlich bald ehemaliger Ministerpräsident: „Es wird kein Weimar-Szenario für Griechenland geben.“ Das war optimistisch, hatte Samaras doch Ende 2012 mehrfach gewarnt, Athen sei zwar noch nicht Weimar, könne es aber werden, wenn Griechenlands Geldgeber es an Verständnis für sein Land fehlen ließen. Die Athen-Weimar-Debatte dauert noch an, da drängt sich schon eine neue Frage auf: Ist Griechenland Mesopotamien? Halten sich die Griechen bei der Parlamentswahl am Sonntag an die Umfragen, werden sie künftig zumindest politisch in einem Zweistromland zwischen zwei sehr ungleichen Flüssen leben. Sie werden das „Bündnis der radikalen Linken“ (Syriza) von Oppositionsführer Alexis Tsipras zur stärksten Kraft machen, ihm aber die Regierungsmehrheit verweigern.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Dann müsste der gelernte Maximalist Tsipras Koalitionspartner suchen. Doch auch wenn wohl sechs Parteien in das Parlament einziehen, ist seine Auswahl karg, will er seine Regierungszeit nicht mit einem Wortbruch beginnen. Die alten Regierungsparteien Nea Dimokratia und Pasok macht Tsipras für Griechenlands Niedergang verantwortlich. Deshalb schließt er eine Koalition mit ihnen aus. Die rechtsradikale „Goldene Morgenröte“ scheidet ohnehin aus, und Griechenlands orthodoxe Kommunisten wollen erst wieder zur Oktoberrevolution geweckt werden.

          Die einzige weitere Kraft, die in das Hohe Haus am Syntagma-Platz einziehen dürfte, ist die im Februar 2014 gegründete Partei „To Potami“ (Der Fluss) des ehemaligen Journalisten Stavros Theodorakis. Der wurde bekannt durch die Fernsehsendung „Protagonisten“, in der er gesellschaftliche Außenseiter porträtierte. Nun sind Theodorakis und seine Mitstreiter selbst Protagonisten, und da man über Potami wenig weiß, ist die Potamologie derzeit eine gefragte Wissenschaft in Athen.

          Wer sind die potentiellen Königsmacher? Der Chemieingenieur Miltos Kyrkos hat früher in einem Unternehmen gearbeitet, das Brettspiele verkauft, er hat Bildungsprogramme für Muslime in Nordgriechenland geleitet und eine Internetfirma geführt. „Lauter Jobs im richtigen Leben“, sagt er. Viele Potami-Kandidaten werben mit ihrer Erfahrung „im richtigen Leben“, und manche brüsten sich nachgerade mit ihrer politischen Unwissenheit. Kyrkos hat seit einigen Monaten eine Beschäftigung, über die der Volksmund sagt, sie habe nichts mit dem richtigen Leben zu tun: Im Mai 2014 wurde er für Potami in das Europaparlament gewählt. Dabei spielte auch sein Familienname eine Rolle. Kyrkos’ 2011 gestorbener Vater Leonidas war ein sogar bei Konservativen allseits respektierter Führer der griechischen Linken, der als pragmatisch und kompromissfähig galt, weshalb ihm die große politische Karriere auch versagt blieb.

          „Die Troika hätte auf Strukturreformen drängen sollen“

          Der Sohn hielt sich lange von der Politik fern, von Potami aber ließ er sich mitreißen, weil der „Fluss“ alles anders zu machen verspricht als die etablierten Parteien. Deshalb hat Potami auch keine Mitglieder, sondern „Freiwillige“. Um sich vom in Griechenland üblichen Zentralismus abzusetzen, sollte das Gründungstreffen nicht in Athen, sondern auf einem Campingplatz im nordostgriechischen Thrakien stattfinden. „Aber es erwies sich als sehr schwierig, die Leute zu einer Reise dorthin zu bewegen. Also landeten wir in der Wirklichkeit und hielten den Kongress bei Athen ab“, sagt Kyrkos mit einer Selbstironie, die für griechische Politiker nicht typisch ist.

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