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Griechenland-Krise : Der Klügere gibt nicht nach

Tage der Entscheidung: Ein Demonstrant schwenkt am Montagabend vor dem Parlamentsgebäude in Athen eine griechische Flagge. Bild: Reuters

Es ist ein ganz normaler Krisentag in Athen - Panik und Nervosität zeigen sich nicht. Nur Vermutungen und Gerüchte schwirren durch die Straßen. Der linke Syriza-Flügel warnt Alexis Tsipras vor Kompromissen und wirbt für die Drachme.

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          Athen spielt nicht mit. Die Hauptstadt der Eurokrise entzieht sich dem Schauspiel, von dem andere glauben, es müsse hier aufgeführt werden. Am Tag vor dem Brüsseler Gipfel der Staats- und Regierungschefs zu Griechenland ist auf Athens Straßen keine Panik zu bemerken, und auch ein Ansturm auf die Banken fällt mangels Beteiligung aus. Überall im Stadtzentrum sind schon am frühen Morgen ausländische Fernsehteams unterwegs, um nach Anzeichen für Nervosität und Krise zu suchen – aber die Krise zeigt sich nicht, jedenfalls nicht mehr als sonst. Sie lebt zurückgezogen bei den Griechen zu Hause und präsentiert sich nicht gern in der Öffentlichkeit. In Ermangelung einer aufgeregten Menschenmenge verlegt sich ein Kameramann am Syntagma-Platz darauf, einen einsamen Bankautomaten zu filmen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Vor der Zentralbank verteilen Aktivisten der regierenden Linkspartei Syriza Flugblätter gegen Notenbankchef Giannis Stournaras: „Bruch mit der Sparpolitik. Stournaras, tritt zurück!“, ist darauf zu lesen. Die Flugblätter sind mustergültig sparsam hergestellt, beidseitig bedruckt und schwarzweiß. Am Omonia-Platz verkauft ein fliegender Händler Kirschen, das Kilo zu 3,50 Euro (1190 Drachmen), während südostasiatische Einwanderer, die von den griechischen Inseln nach Athen gekommen sind, am Straßenrand ihre Geschwüre und Missbildungen zur Schau stellen, um auf diese Weise Geld für ihre Weiterreise nach Nordeuropa zu erbetteln. Es ist ein ganz normaler Krisentag in Athen.

          Abgesehen allenfalls von den Vermutungen und Gerüchten, die durch die Stadt schwirren. In ihnen geht es um die Frage, welche Konzessionen die griechische Regierung in Brüssel angeblich machen werde. Von neuerlichen Rentenkürzungen wollen die einen erfahren haben, von regionalen Mehrwertsteuererhöhungen und der sofortigen Abschaffung aller Frühpensionierungen andere. Sollte sich in den kommenden Tagen tatsächlich eine halbwegs substantielle Einigung abzeichnen, wird es darauf ankommen, wie Regierungschef Alexis Tsipras, Finanzminister Giannis Varoufakis und der griechische Verhandlungskoordinator Euklid Tsakalotos ihrer eigenen Partei die Einschnitte, die unweigerlich Teil einer solchen Vereinbarung wären, verkaufen können.

          Dann könnte die Stunde von Abgeordneten wie Kostas Lapavitsas schlagen, einem der Wortführer des linken Flügels im „Bündnis der radikalen Linken.“ Der linke Linke Lapavitsas repräsentiert jenes knappe Drittel der Syriza-Abgeordneten, das in einem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro nicht das Ende aller Tage, sondern im Gegenteil die einzige Hoffnung auf einen Aufschwung sieht. Ausgerechnet der linke, stark von marxistischen Wirtschaftstheorien geprägte Flügel der Regierungspartei argumentiert nämlich ähnlich wie deutsche Grexit-Befürworter vom Schlage Hans-Werner Sinns, dem geistige Nähe zum Marxismus schwerlich unterstellt werden kann. Repräsentanten der Drachmenfraktion in Griechenlands linker Regierungspartei verbreiten seit Wochen die Ansicht, dass die Rückkehr zu einer eigenen Währung für einige Wochen womöglich hart und chaotisch sein werde, schon bald darauf aber mit einem Aufschwung zu rechnen sei.

          Die Warnung, Griechenland werde mit seiner inflationären Neudrachme weder Arzneimittel noch Benzin einführen können, weisen sie als Panikmache zurück. Schließlich habe es in Griechenland auch vor der Einführung des Euro Medikamente gegeben, seien Autos und Schiffe gefahren. Sie wenden sich gegen das, was sie als „Apotheose des Euro“ bezeichnen. Letztlich sei auch der nur der Name für ein Zahlungsmittel, ein Symbol für ein Symbol. Kostas Lapavitsas warnte Alexis Tsipras unlängst davor, in den Verhandlungen mit Griechenlands Noch-Partnern Kompromisse einzugehen und die linken Standpunkte seiner Partei zu verraten. Das, sagte Lapavitsas, wäre nicht nur das Ende von Syriza als Partei, sondern auch von Tsipras als Politiker.

          Der Syriza-Rebell mahnte seinen Parteichef, sich das Schicksal seiner beiden Vorgänger Giorgos Papandreou und Antonis Samaras vor Augen zu führen, die als Ministerpräsidenten auf die Sparforderungen der Gläubiger eingingen. Papandreou wurde abgewählt und ist in der politischen Versenkung verschwunden, Samaras wandelt auf seinen Spuren. Er glaube, dass Tsipras klüger sei als seine beiden Vorgänger, sagte Lapavitsas unlängst. Und der Klügere, so lautet der ungeschriebene Wappenspruch der linken Syrizaner, gibt nicht nach.

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