https://www.faz.net/-gq5-7948r

Gibraltars Regierungschef im Gespräch : „Wir sind das Silicon Valley des Online-Glücksspiels“

  • Aktualisiert am

Stimmt es, dass es in Gibraltar mehr registrierte Firmen als Einwohner gibt? Sind viele davon nur Briefkästen?

Das ist so nicht korrekt. Wir haben 18.000 Firmen bei 32.000 Einwohnern. Davon sind die meisten aktive Unternehmen, nur etwa 4.000 Anlagegesellschaften. Wir haben nicht mehr Briefkastenfirmen als jedes andere entwickelte Land der Welt.

Gibraltars Körperschaftssteuer beträgt zehn Prozent, in Spanien sind es dreißig Prozent. Deshalb klagt der spanische Finanzminister, dass dieser Unterschied spanische Unternehmen wie Fliegen anziehe. Diese verdienten ihr Geld in Spanien und zahlten Steuern in Gibraltar. Ist da so?

Nein. Der Finanzminister sagt auch, dass Firmen in Gibraltar Steuern hinterziehen und er das unterbinden möchte. Ich sage, dass ich das auch will. Wir tun das schon sehr erfolgreich mit Ländern, mit denen wir Vereinbarungen über Steuerinformationsaustausch haben.

Wir geben solche Informationen im Rahmen bilateraler Abkommen. Wenn Spanien glaubt, dass es unter seinen Unternehmen solche gibt, warum fragt die Regierung uns dann nicht? Wir wollen hier keinen hinterzogenen Cent spanischer Steuergelder.

Noch eine Frage zum Geld. Vor ein paar Jahren eröffnete Lisbeth Salander aus Stieg Larssons „Millennium-Trilogie“ in Gibraltar ein Konto, um dort gleich mehrere hundert Millionen zu verstecken. Unmöglich?

Unmöglich damals, unmöglich heute. Aber es war ein sehr spannendes Buch.

Was tat und tut die Regierung von Gibraltar, um das alte Image eines Steuerparadieses loszuwerden?

Die Welt des on-shore und off-shore hat sich schlicht geändert. Wir fordern seit den neunziger Jahren, dass Steuerhinterziehung überall nach den gleichen Regeln bekämpft werden soll, so wie wir das hier tun.

Als die OECD über die spanische Rhetorik hinausging und hier tatsächlich Inspektionen machte, kamen wir auf die weiße Liste. Gibraltar ist bei Finanzdienstleistungen auf jeder weißen Liste der Welt. Wir sind kein Steuerparadies.

Wie ist Gibraltars Verhältnis zu seinem anderen Nachbarn Marokko?

Ausgezeichnet. Das ist für mich eine weitere Priorität. Marokko ist ein außerordentlich wichtiger strategischer Partner. Die Straße von Gibraltar misst an ihrer breitesten Stelle nur 14 Kilometer und hat traditionell den Zugang zum Mittelmeer kontrolliert.

Wie viele Marokkaner arbeiten in Gibraltar?

Die Zahlen sind erheblich zurückgegangen. Als General Franco im Jahr 1969 die Grenze zu Gibraltar schloss, kamen viele Marokkaner, um hier vor allem im Hafen zu arbeiten. Auf dem Höhepunkt waren es 5000. Viele gingen aber zurück und in Rente. Zurzeit haben wir etwa tausend.

Die Uefa will noch in diesem Monat entscheiden, ob sie Gibraltar als Vollmitglied aufnimmt. Spielen Sie bald gegen Barcelona und Real Madrid in der Champions League?

Ich bin ein großer Fußballfan und hoffe, dass unsere Mannschaft bald bei ihren europäischen Partnern mitspielen kann. Aber das ist ein Sportthema, in das sich die Regierung nicht einmischt.

Ich sage Ihnen aber eines: Als alter Liverpool-Fan habe ich zu lange gelitten und setze daher nun wirklich auf Gibraltar in der Champions League.

John Le Carrés neuer Thriller „A Delicate Truth“ (Eine heikle Wahrheit) spielt in Gibraltar und hat einfach alles: Waffenhändler, Terroristen, Verschwörer auf Luxusyachten, organisiertes Verbrechen. Existiert das alles nur in der Phantasie eines Romanschriftstellers?

Vielen Dank, John. Es muss erfunden sein, denn wir lassen solche Dinge wie Waffenhandel hier nicht zu.

Zu guter Letzt: Gibt es zu viele Affen auf dem Felsen?

Es sind zu viele. Winston Churchill sagte zwar, dass, solange die Affen da sind, Gibraltar britisch sein werde. Und manche argumentieren daher, dass es gar nicht genug Affen geben könne. Aber wir haben jetzt mehr als 200.

Sie bilden Rudel und kommen schon regelmäßig in die Stadt herunter, um hier nach Futter zu stöbern. Das stört die Leute und so muss man etwas unternehmen. Meine Vorgängerregierung wollte sie keulen. Da war ich schon als Oppositionsführer strikt dagegen.

Ich kündige Ihnen heute meinen neuen Affen-Management-Plan an: den Export nach Nordafrika, wo sie artgerecht untergebracht werden. Auf diese Weise können wir ihre Zahl kontrollieren und brauchen keinen einzigen umzubringen.

Das Gespräch führte Leo Wieland

Weitere Themen

Auf den Spuren der Vergangenheit Video-Seite öffnen

Jüdische Familie in London : Auf den Spuren der Vergangenheit

Familie Alberman kämpft dafür, die deutsche Staatsbürgerschaft nach dem Brexit zu bekommen. F.A.Z.-Redakteur Alexander Haneke hat sie vor Ort besucht und mit Ihnen über Vergangenheit und Zukunft gesprochen.

Topmeldungen

Die Humboldt-Uni wird im Verbund mit den anderen Berliner Universitäten weiterhin gefördert.

Exzellenzinitiative : Elf Unis werden gefördert – acht gehen leer aus

Bei der Neuvergabe der staatlichen Mittel durch die Exzellenzinitiative haben sich elf Universitäten durchgesetzt. Acht Forschungseinrichtungen gingen leer aus. Das teilte die Bundesbildungsministerin am Freitag mit.

Merkels Sommerpressekonferenz : Mit müden Augen und wachem Lächeln

Die Bundeskanzlerin demonstriert in ihrer traditionellen Sommerpressekonferenz Geschäftsmäßigkeit. Alle Fragen bekommen eine unaufgeregte Antwort. Nur einmal schimmert ein bisschen Stolz auf.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.