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Gerüchte um Putins Gesundheit : Ist der Präsident krank, ängstigt sich das Land

Bild: Reuters

Nach Tagen der Abwesenheit ist Russlands Präsident Putin wieder aufgetaucht. Zumindest offiziell. Der Kreml verbreitete Bilder, die angeblich aktuell sind. Die Diskussion um Putins Zustand ist auch eine um den Zustand des Landes.

          Er ist wieder da. Zumindest offiziell. Russlands Präsident Wladimir Putin habe den Vorsitzenden des Obersten Gerichts empfangen, teilte der Kreml am Freitagmittag mit. Das Treffen habe in Nowo-Ogarjowo stattgefunden, Putins Residenz vor den Toren Moskaus. Das Staatsfernsehen zeigte Bilder dazu. Gleich mehrfach. Aber wann wurden sie aufgezeichnet? Wirklich am Freitag? Diese Fragen werden gestellt, auch in Russland. Obwohl Putin nach Darlegung des Kremls nie weg war und sich bester Gesundheit erfreut. So sagten die Fragen womöglich weniger über den tatsächlichen Zustand Putins aus, sondern mehr über die Machtstruktur im Land – und die Verunsicherung nach dem Mord an Boris Nemzow.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Seit Jahren wird regelmäßig über den Gesundheitszustand Putins spekuliert. Die Nachrichtenagentur Reuters zitierte dieser Tage aus Anlass der Absage (laut dem Kreml: der Verschiebung) eines Treffens der Präsidenten Russlands, Weißrusslands und Kasachstans am Donnerstag und Freitag in Astana eine „Quelle“ mit der Aussage, es scheine, Putin sei „erkrankt“. Die Zeitung „RBK daily“ schrieb, dass Putin das letzte Mal am 5. März vor Journalisten aufgetreten sei, im Kreml, an der Seite des italienischen Ministerpräsidenten. Anschließende Treffen mit Ministern, Gouverneuren und Frauen (zum Frauentag am 8. März) seien zwar auf der Website des Kremls dokumentiert worden, hätten tatsächlich aber gar nicht oder schon vor dem 5. März stattgefunden.

          Von unterschiedlichen Seiten wurden Putin in den vergangenen Tagen unterschiedlichste Leiden nachgesagt. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitierte am Freitag kremltreue Politikwissenschaftler, die hinter den Gerüchten üble Machenschaften des Auslands ausmachten, mit dem Ziel, Russland zu schwächen. Der Leiter des Umfrageinstituts WZIOM, Walerij Fjodorow, sagte, die Gerüchte zeugten von „Illusionen“ darüber, dass, „wenn Putin etwas geschieht, Russland sofort den gewählten Weg verlässt und alles vergisst, was mit ihm verbunden wird, und alles annulliert, was in den vergangenen 15 Jahren gemacht wurde“.

          Tatsächlich ist Putins Gesundheit in Russland eine Staatsangelegenheit – mehr noch, als es die Gesundheit des Staatsoberhaupts in demokratisch verfassteren Staaten wäre. Der Präsident hat seine gute körperliche Konstitution selbst zur Legitimitätsquelle seiner zusehends einsamen Herrschaft stilisiert, in Abgrenzung zu seinem nach allgemeinem Empfinden tatterigen Vorgänger Boris Jelzin und im Gegenzug zu Kritik an Wahlfälschungen. Der Kreml suchte die Fitness des Präsidenten mit zahlreichen Bildern zu untermauern. Sie zeigten Putin bei Eishockey und Judo, angelnd, reitend, nach Amphoren tauchend und mit Kranichen fliegend (er soll sich seinerzeit bei der Landung am Rücken verletzt haben, war nun wieder einmal zu lesen). Putins Sprecher Dmitrij Peskow sagte am Donnerstag im Radiosender Echo Moskwy, Putin „bricht Hände“ und arbeite „erschöpfend“ an Dokumenten. Es waren ironische Antworten auf ironische Fragen, denn Jelzins Sprecher hatte, wenn der Präsident unpässlich war, stets hervorgehoben, dieser arbeite „mit Dokumenten“ und habe weiter einen „festen“ Händedruck.

          Ein Orden als Rüffel?

          Ein Kommentator von Echo Moskwy schrieb nun: „Wenn sich Putin den Rücken zerrt, heißt das, dass sich ganz Russland am Morgen nicht aufrichten kann.“ Auch andere russische Beobachter maßen den Mutmaßungen über Putin Bedeutung zu – als Indiz für die Stimmung in der Hauptstadt nach dem Mord an Nemzow in Rufweite des Kremls, im Aufsichtsbereich der Geheimdienste. Das Nachrichtenportal „Gazeta.ru“ sah sich an die Kremldeuter erinnert, jene sogenannten Experten, die zu sowjetischer Zeit zum Beispiel anhand der Aufstellung der Mitglieder des Politbüros auf dem Lenin-Mausoleum die Machtperspektiven einzelner Akteure voraussagten. „Die Abwesenheit eines normalen Dialogs mit der Macht wird heute wieder durch Gerüchte kompensiert“, hieß es in dem Kommentar.

          Seit Tagen ranken sich Spekulationen etwa um Igor Setschin, Putins angeblich angezählten Weggefährten. Vor allem indes um Putins Mann in Tschetschenien: Bereitet die öffentliche Vorführung verdächtiger Tschetschenen aus Ramsan Kadyrows Sicherheitskräften im Mordfall Nemzow einen Schlag der Geheimdienste gegen den Rivalen vor? Ist der neueste Orden Putins für Kadyrow nach den Festnahmen eine Bestätigung oder ein Rüffel, weil andere Orden wichtiger seien? Wie um die Verwirrung komplett zu machen, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax am Freitag eine mit den Ermittlungen im Mordfall Nemzow „vertraute Quelle“ mit der Aussage, die „Spuren der Auftraggeber führen ins Ausland“. Wie schon unmittelbar nach dem Mord Ende Februar hieß es, mit der Tat habe die Lage im Land „destabilisiert“, die Führung „diskreditiert“ werden sollen. Zuvor war gestreut worden, der Hauptverdächtige, Saur Dadajew, habe auf eigene Faust gehandelt.

          „Gazeta.ru“ erkannte hinter der Vielzahl von Gerüchten und Verschwörungstheorien als Grundproblem, dass der Bürger dem Staat „nur schwer vertrauen kann“. Weil alle Fragen – wirtschaftliche, militärische, politische – „unbestimmt“ seien, müsse man eben wieder „aufs Mausoleum“ schauen. Die „Nowaja Gaseta“ machte hinter den vielen Toden, die Nutzer in den sozialen Netzwerken Putin sterben lassen, die Hoffnung der „Leibeigenen“ aus, dass der neue „Gutsherr“ besser werden möge. Aber diese Haltung führte nicht weit, ohne Anstrengung werde es keinen Sieg geben: „Putin wird nie sterben, weil ihr, die ihr euch über seinen Tod freut, leben werdet.“

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