https://www.faz.net/-gq5-8664m

Gegen Fremdenhass : 15.000 demonstrieren für ein offenes Finnland

  • -Aktualisiert am

In Helsinki demonstrierten 15.000 Menschen gegen Rassismus. Bild: Reuters

Nach islamfeindlichen Ausfällen in der Partei „Die Finnen“ haben in Helsinki und anderen finnischen Städten mehrere Tausend Menschen für ein offenes Land demonstriert. Auch Koalitionspartner der populistischen Partei gehen auf Distanz.

          3 Min.

          Die Sommerferien, in denen sich die Finnen in ihre Holzhäuser an ruhige Seeufer zurückziehen, sind ihnen eigentlich heilig. Ohne einen wichtigen und unaufschiebbaren Grund hätte also Finnlands Außenminister Timo Soini Reportern der Boulevardzeitung „Ilta-Sanomat“ an einer Tankstelle in der Nähe seines Sommerdomizils kein Interview gegeben. Ein junger Abgeordneter aus Soinis populistischer Partei „Die Finnen“ (früher: Wahre Finnen) hatte am Wochenende mit einer einwanderungsfeindlichen Äußerung, die sich wie ein kriegerischer Aufruf zum Kulturkampf liest, für den innenpolitischen Skandal des Sommers gesorgt - und damit Soini gezwungen, zwischen Zapfsäulen Farbe zu bekennen.

          Olli Immonen heißt der 29 Jahre alte Mann, der für die euroskeptische und einwanderungskritische Partei Soinis’ im Parlament sitzt. „Ich träume von einer starken, mutigen Nation, die den Albtraum namens Multikulturalismus besiegt“, hatte Immonen, der sonst ausschließlich auf Finnisch publiziert und gegen die Islamisierung seiner Heimat wettert, in einer englischsprachigen Botschaft im sozialen Netzwerk Facebook geschrieben. Die hässliche Blase, in der „die Feinde“ lebten, werde bald in eine Million Teile zerplatzen, schrieb der Politiker weiter. „Wir werden bis zum Ende kämpfen für unser Heimatland und eine wahre finnische Nation.“ Die kämpferische Botschaft gegen den „Albtraum Multikulturalismus“ erschien zwei Tage nach der Gedenkfeier für die Opfer des rechtsextremistischen und islamfeindlichen Terroristen Anders Breivik in Norwegen und löste in Helsinki einen Sturm der Entrüstung aus.

          Regierungschef Juha Sipilä von der Zentrumspartei und Finanzminister Alexander Stubb von der Nationalen Sammlungspartei, Soinis konservative Koalitionspartner, distanzierten sich und sprachen sich in eigenen Botschaften für ein weltoffenes und kulturell reiches Finnland aus. Politiker aller Parteien und sogar einzelne Abgeordnete der „Finnen“ forderten Immonens Rücktritt. Nur von Soini kam zweieinhalb Tage lang kein Kommentar. „Das ist nicht gut für den Ruf der Partei“, sagte er nun an der Tankstelle. Immonen habe die Fraktionssolidarität vergessen.

          Zur Frage, ob der junge Politiker nun sein Mandat niederlegen solle oder nicht, wollte sich Soini nicht äußern, das sei Sache der Fraktion. Deren Vorsitzender hatte Immonens Einlassungen jedoch als Privatmeinung abgetan. Eine Rüge von der Partei hatte Immonen immerhin bekommen, als er kürzlich ein Gruppenfoto publizierte, auf dem er mit Mitgliedern einer neonazistischen Organisation auf einem Friedhof am Grab des finnischen Nationalisten Eugen Schauman posierte. Immonen steht selbst seit zwei Jahren einer anderen Organisation vor, die als islamfeindlich und nationalistisch gilt. Als er dieses Amt antrat, enthielt sich sein Parteichef ebenfalls eines Kommentars.

          Eigentlich bemüht sich Soini nach Kräften, das Etikett „rechtspopulistisch“ von seiner Partei abzukratzen und sie als gemäßigt konservative Kraft darzustellen. Rechtsextremen und rassistischen Stimmen in den eigenen Reihen hat er jedoch nie besonders streng den Mund verboten. Der Abgeordnete Olli Sademies, der im Mai - ebenfalls bei Facebook - eine Zwangssterilisation für afrikanische Einwanderer gefordert hatte und gegen den deshalb wegen Hassrede ermittelt wird, gehört weiterhin zur Fraktion. Immerhin hat sich die Partei von seinen Äußerungen distanziert.

          Nur einmal ging Soini bisher so weit, einen Abgeordneten auch tatsächlich aus der Partei hinauszuwerfen. Der hatte einen Neonazi mit ins Parlamentsgebäude gebracht und seelenruhig auf einem Foto posiert, auf dem sein Gast die Hand zum Hitlergruß hob. Das alles war für das politische Finnland schon kaum zu ertragen, als Soinis Männer noch auf der Oppositionsbank saßen. Nun sind sie jedoch erstmals an einer Regierung beteiligt - und Soini soll Finnland nach den Sommerferien in aller Welt als Außenminister vertreten.

          Diejenigen Finnen, die ihrem Land ein anderes Gesicht geben wollen, Politiker aller Parteien, Künstler und Kirchenvertreter, demonstrierten am Dienstagabend unter dem Motto „We have a dream“. Damit nahmen die Veranstalter nicht nur Bezug auf die berühmte Rede des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, sondern auch auf Immonens Formulierung vom „Albtraum“. Etwa 15.000 Menschen kamen im Stadtzentrum von Helsinki zusammen und auch in Tampere, in der Nähe von Soinis Ferienort, gab es Demonstrationen für ein offenes Finnland.

          Weitere Themen

          Wer will schon das libanesische Monopoly-Geld?

          Wiederaufbau in Beirut : Wer will schon das libanesische Monopoly-Geld?

          Die Bewohner Beiruts müssen nach der Explosionskatastrophe einen Wiederaufbau unter extremen Bedingungen bewerkstelligen. Manche hoffen, der innere und äußere Druck werden die korrupte politische Klasse zu Reformen bewegen.

          Topmeldungen

          Demo am 1. August in Berlin

          „Querdenken 711“ : Und wieder die Politiker!

          Eine Initiative peitscht Bürger in der Corona-Pandemie auf, um sie zu ihren Demos zu locken. Doch angebliche Belege sind gefälscht, Fotos aus dem Zusammenhang gerissen.

          Neuer und Flick mahnen : Die gefährliche Lage beim FC Bayern

          Vor den entscheidenden Spielen in der Champions League herrscht beim FC Bayern große Zuversicht. Doch es gibt auch kritische Töne. Torhüter Manuel Neuer äußert sich derweil zu seinem umstrittenen Urlaubsvideo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.