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Gedenken an Boris Nemzow : Punkt ohne Wiederkehr

Mächtiges Gedenken: Protestmarsch am Samstag, dem ersten Jahrestag der Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow, in Moskau Bild: Getty

Tausende erinnern bei einem Marsch in Moskau an den Mord an Boris Nemzow vor einem Jahr. Danach, hieß es damals, sei in Russland alles möglich. Das gilt weiterhin.

          6 Min.

          „Ermordet für die Freiheit“, steht rot auf schwarz auf einem Banner, hinter dem sich die wichtigsten Mitstreiter Boris Nemzows aufstellen. Neben dem Schriftzug prangt ein Schwarzweißporträt des Oppositionellen, der vor einem Jahr mitten in Moskau erschossen wurde. Im Kreise der Politiker steht Nemzows 20 Jahre alter Sohn Anton. Es wirkt wie ein Familienbild ohne das Familienoberhaupt. Wie überhaupt der Marsch zu Nemzows Ehren, der mit geschätzt gut 20.000 Teilnehmern größten von Dutzenden Gedenkveranstaltungen am Samstag in ganz Russland, etwas von einem Familientreffen hat.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Man erinnert sich an Nemzow, trägt seine Losungen auf Schildern durch das Zentrum der Hauptstadt. „Sanktionen, Isolation – Folgen der absurden Politik des Kremls“, steht da, oder „Putins Regime ist eine Bedrohung für die gesamte Menschheit“. Viele tragen ein weißes Papier mit Trauerrand in den Händen, auf dem „Ich fürchte mich nicht“ steht. Doch allen ist klar, dass sie guten Grund hätten, sich zu fürchten.

          Denn die Teilnehmer des Marsches, speziell Nemzows Weggefährten hinter dem Freiheitsbanner, sind jene Russen, die Ramsan Kadyrow, der Machthaber der Teilrepublik Tschetschenien, als „Volksfeinde“ und „Verräter“ behandelt wissen will. Im Mordfall Nemzow, und nicht nur in diesem, führen die Spuren nach Grosnyj. Kadyrows Drohungen gelten Leuten wie Michail Kasjanow, der mit Nemzow die Partei RPR-Parnas führte und nun ganz vorn im Zug marschiert. Tschetschenen bewarfen ihn vor kurzem in Moskau mit einer Torte, bei Auftritten musste er sich vor einem Mob in Sicherheit bringen.

          Das Staatsfernsehen filmte dazu, Ermittlungen gibt es nicht, aus Grosnyj kam der Kommentar, das sei spezieller Humor. Hinter dem Banner steht auch Wladimir Kara-Mursa, der mit Nemzow an dessen Bericht über Russlands Krieg gegen die Ukraine arbeitete; er überlebte im vergangenen Jahr eine Vergiftung und tauchte jüngst in einem Video auf, das Kadyrow veröffentlichte: an der Seite Kasjanows in einem Fadenkreuz. Bei ihnen ist auch Nemzows Freund Ilja Jaschin, der den Bericht des später Ermordeten zum Ukraine-Krieg postum veröffentlichte; dieser Tage löste die Polizei Präsentationen von Jaschins eigenem Bericht über Kadyrow als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ auf, wie es hieß, nach Bombendrohungen.

          Weiter hinten im Gedenkzug läuft der Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj mit; ihm hatten Unbekannte am Eingang zu den Räumlichkeiten seiner Stiftung zum Kampf gegen Korruption gleich zwei Torten ins Gesicht geworfen. „Bedrohungen, Torten, Kugeln – das sind die Argumente des Kremls“, steht auf einem der Zettel, die neben den frischen Blumen am Tatort auf der Brücke über den Moskau-Fluss liegen.

          Umflort: Ein Bild Boris Nemzows am Tatort
          Umflort: Ein Bild Boris Nemzows am Tatort : Bild: AFP

          An diesem Ort wurde Nemzow am späten Abend des 27. Februar 2015, als er in Begleitung seiner Freundin aus einem Restaurant am Roten Platz auf dem Weg nach Hause war, von fünf Kugeln getroffen. Die Teilnehmer des Marsches erinnern sich genau an den Moment, als sie von dem Mord erfuhren. Für diejenigen, die noch zu schockieren sind in Russland, war es ein Schock.

          Dass auf die tschetschenische Misere spezialisierte Journalisten wie Anna Politkowskaja (ermordet 2006), Menschenrechtler wie Natalja Estemirowa (ermordet 2009) und ohnehin Kadyrows tschetschenische Gegner in Lebensgefahr sind, war bekannt. Aber Nemzow war ehemaliger Gouverneur von Nischnij Nowgorod und stellvertretender Ministerpräsident, einstiger liberaler Jungstar und Favorit von Präsident Boris Jelzin. Nemzow sah, berichten seine Mitstreiter, keine Gefahr für sein Leben – trotz der Hetze der Kreml-Medien, trotz auch tätlichen Angriffen.

          „Fünfte Kolonne“ des Westens

          Jaschin schrieb dieser Tage, Nemzow habe sich einst für Wladimir Putin eingesetzt, als der noch den Geheimdienst FSB leitete, geglaubt, dass Putin sich immer an „den Gefallen“ erinnern werde. „Sie können mich nicht töten“, habe Nemzow gesagt. Nach dem Mord hieß es deshalb, dass in Russland nun „alles möglich“ sei. Das gilt weiterhin. Das Nachrichtenportal „Gazeta.ru“ kommentierte zum Jahrestag, es handele sich nicht nur um den „wichtigsten politischen Mord in der postsowjetischen Geschichte Russlands“, sondern auch um einen „Punkt ohne Wiederkehr“.

          Die Hetze gegen eine angebliche „fünfte Kolonne“ des Westens im Land habe eher noch zugenommen, „die Distanz von der Torte zur Kugel ist aufs äußerste geschrumpft“. Gerade hat Putin aus Anlass der Wahlen zur Duma, dem Unterhaus, im September bei einer Rede vor dem FSB gesagt, „leider“ bereiteten sich „auch unsere Gegner im Ausland“ darauf vor, man werde „entsprechend reagieren“. Konkret bedeutet das etwa, dass Wahlbeobachtung weiter erschwert wird.

          Nach dem Mord war ein „Antikrisenmarsch“ unter dem Motto „Frühling“, zu dem unter anderen Nemzow für den 1. März nach Moskau geladen hatte, prompt zu einem Trauermarsch geworden; Zehntausende zogen durch die Hauptstadt, viele von ihnen mit russischen Fahnen mit Trauerflor, die auch beim Gedenken am Samstag wieder zu sehen sind.

          Kurz nach der Tat kursierte eine Vielzahl von Spekulationen, bis zu dem Märchen eines Propagandasenders, es handele sich um eine Racheaktion für eine angebliche von Nemzow erzwungene Abtreibung. Kadyrow schwadronierte seinerzeit, „westliche Geheimdienste“ steckten hinter der Tat. Unter den Teilnehmern des Marsches herrscht am Samstag kein Zweifel mehr, dass die Spuren tatsächlich nach Grosnyj führen. Einige rufen „Kadyrow – Schande Russlands“.

          Denn vor Gericht sollen demnächst fünf Männer kommen, die nicht nur die Familie Nemzows und ihre Anwälte als bloße Ausführende erachten. Offiziell hält das Ermittlungskomitee den Fall für aufgeklärt. Doch hinter den Kulissen ringen Gegner und Verbündete Kadyrows miteinander.

          Davon zeugte nun eine Veröffentlichung der Zeitung „Nowaja Gaseta“, die sich offenkundig auf Quellen in den Sicherheitsbehörden stützt. Sie berichtete, schon am 2. März 2015 habe der FSB – in dem das Misstrauen gegenüber Kadyrow besonders groß sein soll – Putin informiert, wer Nemzow ermordete: Das Attentat habe eine Gruppe Mitglieder des Sicherheitsapparats aus dem Bataillon Sewer (Norden) verübt. Es ist in Grosnyj stationiert und nur formal dem Innenministerium in Moskau, tatsächlich Kadyrow unterstellt.

          Bizarres Bündel an Motiven

          Der stellvertretende Kommandeur des Bataillons Ruslan Geremejew habe die Gruppe vermutlich geleitet. Dieser ist der Neffe eines tschetschenischen Vertreters im Föderationsrat, dem russischen Oberhaus, sowie des Duma-Abgeordneten Adam Delimchanow, der als möglicher Nachfolger Kadyrows gilt; er ist bekannt dafür, dass ihm 2013 bei einem Handgemenge im Parlamentsgebäude eine vergoldete Pistole aus der Tasche fiel.

          Am 5. März vorigen Jahres wurden dann die Männer festgenommen, die weiter in Untersuchungshaft sitzen; ein sechster soll sich beim Zugriff in Grosnyj mit einer Handgranate in die Luft gesprengt haben. Dieser Mann sowie der mutmaßliche Schütze, Saur Dadajew, gehörten ebenfalls dem Bataillon Sewer an. Dadajew, hieß es weiter, habe einige Zeit den Personenschutz des Abgeordneten Delimchanow geleitet.

          Die Angreifer machten sich demnach keine Mühe, ihre Spuren zu verwischen oder sich zu verstecken; offenbar, so die Zeitung, glaubten sie, ein „Auftrag des Vaterlandes“ werde verhindern, dass sie verfolgt würden. Sie scheinen eher Orden erwartet zu haben. In ihrer Verblüffung legten sie zunächst Geständnisse ab; erst später behaupteten sie, zu den Aussagen gepresst worden zu sein. Die ursprünglichen Aussagen der Männer, die eine Zeitschrift veröffentlichte, legen ein bizarres Bündel an Motiven für den Mord an Nemzow nahe. Nach Darlegung der Verteidiger soll nun der in Grosnyj getötete mutmaßliche Mittäter geschossen haben.

          Dass es überhaupt zu den schnellen Festnahmen kam, erklärt die „Nowaja Gaseta“ einerseits mit Wut Putins („Wer hat es gewagt?“), andererseits damit, dass die Moskauer Sicherheitsbehörden das Vorgehen der tschetschenischen Führung „katastrophal satt“ und in diesem Fall zusammengearbeitet hätten. Nur Tschetschenien, hob die Zeitung hervor, dürfe in der Hauptstadt eine Gruppe eigener Bewaffneter unterhalten, die offiziell ranghohe Beamte aus Grosnyj bewachen solle.

          Die Führer logierten im „Hotel Präsident“ nahe dem Innenministerium, die Handlanger wohnten am Stadtrand und würden alle paar Monate ausgewechselt. „Delikate Aufträge“ bespreche man in schicken Restaurants und Hotels. Boris Nemzow sei im August 2014 Objekt einer „Ausschreibung“ geworden, bei der den Killerkommandos 15 Millionen Rubel (damals rund 310.000 Euro) versprochen worden seien.

          Gemeinsam mit Nemzow seien zwei in Moskau lebende Journalisten und der exilierte Putin-Widersacher Michail Chodorkowskij auf die Abschussliste gesetzt worden, doch sei für diese die „Ausschreibung“ nach den unerwarteten Festnahmen im Nemzow-Mordfall vorerst zurückgezogen worden.

          „Unangenehmes Objekt für die Killer“

          Der unstete Nemzow habe sich als „unangenehmes Objekt für die Killer“ erwiesen, berichtete die Zeitung weiter: Er fuhr Metro, verbrachte mal Tage in seiner Wohnung, fuhr dann plötzlich ins Ausland oder nach Jaroslawl, wo er ein Abgeordnetenmandat hatte. Ende Februar vorigen Jahres sei dann ein Offizier des tschetschenischen Innenministeriums in Moskau erschienen, habe offenbar Druck der „Ausschreibenden“ übermittelt. So schritten die Killer zur Tat.

          Danach, am 1. März, fuhren der mutmaßliche Schütze Dadajew und der stellvertretende Sewer-Kommandeur Geremejew mit dessen Fahrer zum Flughafen, auf dem Flug nach Grosnyj saßen beide Männer nebeneinander. Die Ermittler, so die „Nowaja Gaseta“, kamen mit ihren Ermittlungen in Tschetschenien nicht weiter – wie häufig in solchen Fällen. Geremejew und sein Fahrer reisten in die Vereinigten Arabischen Emirate aus, um dort Rennpferde Kadyrows zu betreuen.

          Doch laut dem Bericht sträubten sich nicht nur Tschetschenen: Der Leiter des Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, habe zweimal verhindert, dass gegen Geremejew Anklage erhoben werde. Dessen Familie habe zwischenzeitlich in Tschetschenien an Bedeutung und Einfluss zugenommen; auch der stellvertretende Sewer-Kommandeur selbst soll mittlerweile zurück in der Teilrepublik sein. Von dort streitet Geremejew jede Beteiligung an dem Mord ab und hat sich zuletzt nur zu einer „schriftlichen“ Aussage bereiterklärt.

          Kadyrow hatte den mutmaßlichen Schützen Dadajew schon kurz nach dessen Festnahme als „echten Patrioten“ bezeichnet; auch das „Oberhaupt“ der Republik, so Kadyrows Titel, wurde trotz Anträgen der Familie Nemzows nicht befragt.

          Putin hat sich bisher öffentlich hinter seinen Mann in Grosnyj gestellt, auch nach dessen jüngsten Morddrohungen. Doch scheint Kadyrow Putins eher allgemeines Lob („effektiver Führer“) nicht mehr zu reichen: Während am Wochenende die Gedenkfeiern stattfanden, forderte er eine Belobigung für seine Loyalität ein, indirekt, versteht sich. Kadyrow sagte einerseits, seine Zeit an der Spitze der Republik sei „vorüber“. Dann, fügte er aber mit Blick auf eine bevorstehende Neuwahl hinzu, werde er „jede Entscheidung“ Putins annehmen und „jeden Befehl“.

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