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Gedenken an Boris Nemzow : Punkt ohne Wiederkehr

Mächtiges Gedenken: Protestmarsch am Samstag, dem ersten Jahrestag der Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow, in Moskau Bild: Getty

Tausende erinnern bei einem Marsch in Moskau an den Mord an Boris Nemzow vor einem Jahr. Danach, hieß es damals, sei in Russland alles möglich. Das gilt weiterhin.

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          „Ermordet für die Freiheit“, steht rot auf schwarz auf einem Banner, hinter dem sich die wichtigsten Mitstreiter Boris Nemzows aufstellen. Neben dem Schriftzug prangt ein Schwarzweißporträt des Oppositionellen, der vor einem Jahr mitten in Moskau erschossen wurde. Im Kreise der Politiker steht Nemzows 20 Jahre alter Sohn Anton. Es wirkt wie ein Familienbild ohne das Familienoberhaupt. Wie überhaupt der Marsch zu Nemzows Ehren, der mit geschätzt gut 20.000 Teilnehmern größten von Dutzenden Gedenkveranstaltungen am Samstag in ganz Russland, etwas von einem Familientreffen hat.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Man erinnert sich an Nemzow, trägt seine Losungen auf Schildern durch das Zentrum der Hauptstadt. „Sanktionen, Isolation – Folgen der absurden Politik des Kremls“, steht da, oder „Putins Regime ist eine Bedrohung für die gesamte Menschheit“. Viele tragen ein weißes Papier mit Trauerrand in den Händen, auf dem „Ich fürchte mich nicht“ steht. Doch allen ist klar, dass sie guten Grund hätten, sich zu fürchten.

          Denn die Teilnehmer des Marsches, speziell Nemzows Weggefährten hinter dem Freiheitsbanner, sind jene Russen, die Ramsan Kadyrow, der Machthaber der Teilrepublik Tschetschenien, als „Volksfeinde“ und „Verräter“ behandelt wissen will. Im Mordfall Nemzow, und nicht nur in diesem, führen die Spuren nach Grosnyj. Kadyrows Drohungen gelten Leuten wie Michail Kasjanow, der mit Nemzow die Partei RPR-Parnas führte und nun ganz vorn im Zug marschiert. Tschetschenen bewarfen ihn vor kurzem in Moskau mit einer Torte, bei Auftritten musste er sich vor einem Mob in Sicherheit bringen.

          Das Staatsfernsehen filmte dazu, Ermittlungen gibt es nicht, aus Grosnyj kam der Kommentar, das sei spezieller Humor. Hinter dem Banner steht auch Wladimir Kara-Mursa, der mit Nemzow an dessen Bericht über Russlands Krieg gegen die Ukraine arbeitete; er überlebte im vergangenen Jahr eine Vergiftung und tauchte jüngst in einem Video auf, das Kadyrow veröffentlichte: an der Seite Kasjanows in einem Fadenkreuz. Bei ihnen ist auch Nemzows Freund Ilja Jaschin, der den Bericht des später Ermordeten zum Ukraine-Krieg postum veröffentlichte; dieser Tage löste die Polizei Präsentationen von Jaschins eigenem Bericht über Kadyrow als „Bedrohung für die nationale Sicherheit“ auf, wie es hieß, nach Bombendrohungen.

          Weiter hinten im Gedenkzug läuft der Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj mit; ihm hatten Unbekannte am Eingang zu den Räumlichkeiten seiner Stiftung zum Kampf gegen Korruption gleich zwei Torten ins Gesicht geworfen. „Bedrohungen, Torten, Kugeln – das sind die Argumente des Kremls“, steht auf einem der Zettel, die neben den frischen Blumen am Tatort auf der Brücke über den Moskau-Fluss liegen.

          Umflort: Ein Bild Boris Nemzows am Tatort
          Umflort: Ein Bild Boris Nemzows am Tatort : Bild: AFP

          An diesem Ort wurde Nemzow am späten Abend des 27. Februar 2015, als er in Begleitung seiner Freundin aus einem Restaurant am Roten Platz auf dem Weg nach Hause war, von fünf Kugeln getroffen. Die Teilnehmer des Marsches erinnern sich genau an den Moment, als sie von dem Mord erfuhren. Für diejenigen, die noch zu schockieren sind in Russland, war es ein Schock.

          Dass auf die tschetschenische Misere spezialisierte Journalisten wie Anna Politkowskaja (ermordet 2006), Menschenrechtler wie Natalja Estemirowa (ermordet 2009) und ohnehin Kadyrows tschetschenische Gegner in Lebensgefahr sind, war bekannt. Aber Nemzow war ehemaliger Gouverneur von Nischnij Nowgorod und stellvertretender Ministerpräsident, einstiger liberaler Jungstar und Favorit von Präsident Boris Jelzin. Nemzow sah, berichten seine Mitstreiter, keine Gefahr für sein Leben – trotz der Hetze der Kreml-Medien, trotz auch tätlichen Angriffen.

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