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Gedenken an Boris Nemzow : Punkt ohne Wiederkehr

Die Angreifer machten sich demnach keine Mühe, ihre Spuren zu verwischen oder sich zu verstecken; offenbar, so die Zeitung, glaubten sie, ein „Auftrag des Vaterlandes“ werde verhindern, dass sie verfolgt würden. Sie scheinen eher Orden erwartet zu haben. In ihrer Verblüffung legten sie zunächst Geständnisse ab; erst später behaupteten sie, zu den Aussagen gepresst worden zu sein. Die ursprünglichen Aussagen der Männer, die eine Zeitschrift veröffentlichte, legen ein bizarres Bündel an Motiven für den Mord an Nemzow nahe. Nach Darlegung der Verteidiger soll nun der in Grosnyj getötete mutmaßliche Mittäter geschossen haben.

Dass es überhaupt zu den schnellen Festnahmen kam, erklärt die „Nowaja Gaseta“ einerseits mit Wut Putins („Wer hat es gewagt?“), andererseits damit, dass die Moskauer Sicherheitsbehörden das Vorgehen der tschetschenischen Führung „katastrophal satt“ und in diesem Fall zusammengearbeitet hätten. Nur Tschetschenien, hob die Zeitung hervor, dürfe in der Hauptstadt eine Gruppe eigener Bewaffneter unterhalten, die offiziell ranghohe Beamte aus Grosnyj bewachen solle.

Die Führer logierten im „Hotel Präsident“ nahe dem Innenministerium, die Handlanger wohnten am Stadtrand und würden alle paar Monate ausgewechselt. „Delikate Aufträge“ bespreche man in schicken Restaurants und Hotels. Boris Nemzow sei im August 2014 Objekt einer „Ausschreibung“ geworden, bei der den Killerkommandos 15 Millionen Rubel (damals rund 310.000 Euro) versprochen worden seien.

Gemeinsam mit Nemzow seien zwei in Moskau lebende Journalisten und der exilierte Putin-Widersacher Michail Chodorkowskij auf die Abschussliste gesetzt worden, doch sei für diese die „Ausschreibung“ nach den unerwarteten Festnahmen im Nemzow-Mordfall vorerst zurückgezogen worden.

„Unangenehmes Objekt für die Killer“

Der unstete Nemzow habe sich als „unangenehmes Objekt für die Killer“ erwiesen, berichtete die Zeitung weiter: Er fuhr Metro, verbrachte mal Tage in seiner Wohnung, fuhr dann plötzlich ins Ausland oder nach Jaroslawl, wo er ein Abgeordnetenmandat hatte. Ende Februar vorigen Jahres sei dann ein Offizier des tschetschenischen Innenministeriums in Moskau erschienen, habe offenbar Druck der „Ausschreibenden“ übermittelt. So schritten die Killer zur Tat.

Danach, am 1. März, fuhren der mutmaßliche Schütze Dadajew und der stellvertretende Sewer-Kommandeur Geremejew mit dessen Fahrer zum Flughafen, auf dem Flug nach Grosnyj saßen beide Männer nebeneinander. Die Ermittler, so die „Nowaja Gaseta“, kamen mit ihren Ermittlungen in Tschetschenien nicht weiter – wie häufig in solchen Fällen. Geremejew und sein Fahrer reisten in die Vereinigten Arabischen Emirate aus, um dort Rennpferde Kadyrows zu betreuen.

Doch laut dem Bericht sträubten sich nicht nur Tschetschenen: Der Leiter des Ermittlungskomitees, Alexander Bastrykin, habe zweimal verhindert, dass gegen Geremejew Anklage erhoben werde. Dessen Familie habe zwischenzeitlich in Tschetschenien an Bedeutung und Einfluss zugenommen; auch der stellvertretende Sewer-Kommandeur selbst soll mittlerweile zurück in der Teilrepublik sein. Von dort streitet Geremejew jede Beteiligung an dem Mord ab und hat sich zuletzt nur zu einer „schriftlichen“ Aussage bereiterklärt.

Kadyrow hatte den mutmaßlichen Schützen Dadajew schon kurz nach dessen Festnahme als „echten Patrioten“ bezeichnet; auch das „Oberhaupt“ der Republik, so Kadyrows Titel, wurde trotz Anträgen der Familie Nemzows nicht befragt.

Putin hat sich bisher öffentlich hinter seinen Mann in Grosnyj gestellt, auch nach dessen jüngsten Morddrohungen. Doch scheint Kadyrow Putins eher allgemeines Lob („effektiver Führer“) nicht mehr zu reichen: Während am Wochenende die Gedenkfeiern stattfanden, forderte er eine Belobigung für seine Loyalität ein, indirekt, versteht sich. Kadyrow sagte einerseits, seine Zeit an der Spitze der Republik sei „vorüber“. Dann, fügte er aber mit Blick auf eine bevorstehende Neuwahl hinzu, werde er „jede Entscheidung“ Putins annehmen und „jeden Befehl“.

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