https://www.faz.net/-gq5-8e4hl

Gedenken an Boris Nemzow : Punkt ohne Wiederkehr

„Fünfte Kolonne“ des Westens

Jaschin schrieb dieser Tage, Nemzow habe sich einst für Wladimir Putin eingesetzt, als der noch den Geheimdienst FSB leitete, geglaubt, dass Putin sich immer an „den Gefallen“ erinnern werde. „Sie können mich nicht töten“, habe Nemzow gesagt. Nach dem Mord hieß es deshalb, dass in Russland nun „alles möglich“ sei. Das gilt weiterhin. Das Nachrichtenportal „Gazeta.ru“ kommentierte zum Jahrestag, es handele sich nicht nur um den „wichtigsten politischen Mord in der postsowjetischen Geschichte Russlands“, sondern auch um einen „Punkt ohne Wiederkehr“.

Die Hetze gegen eine angebliche „fünfte Kolonne“ des Westens im Land habe eher noch zugenommen, „die Distanz von der Torte zur Kugel ist aufs äußerste geschrumpft“. Gerade hat Putin aus Anlass der Wahlen zur Duma, dem Unterhaus, im September bei einer Rede vor dem FSB gesagt, „leider“ bereiteten sich „auch unsere Gegner im Ausland“ darauf vor, man werde „entsprechend reagieren“. Konkret bedeutet das etwa, dass Wahlbeobachtung weiter erschwert wird.

Nach dem Mord war ein „Antikrisenmarsch“ unter dem Motto „Frühling“, zu dem unter anderen Nemzow für den 1. März nach Moskau geladen hatte, prompt zu einem Trauermarsch geworden; Zehntausende zogen durch die Hauptstadt, viele von ihnen mit russischen Fahnen mit Trauerflor, die auch beim Gedenken am Samstag wieder zu sehen sind.

Kurz nach der Tat kursierte eine Vielzahl von Spekulationen, bis zu dem Märchen eines Propagandasenders, es handele sich um eine Racheaktion für eine angebliche von Nemzow erzwungene Abtreibung. Kadyrow schwadronierte seinerzeit, „westliche Geheimdienste“ steckten hinter der Tat. Unter den Teilnehmern des Marsches herrscht am Samstag kein Zweifel mehr, dass die Spuren tatsächlich nach Grosnyj führen. Einige rufen „Kadyrow – Schande Russlands“.

Denn vor Gericht sollen demnächst fünf Männer kommen, die nicht nur die Familie Nemzows und ihre Anwälte als bloße Ausführende erachten. Offiziell hält das Ermittlungskomitee den Fall für aufgeklärt. Doch hinter den Kulissen ringen Gegner und Verbündete Kadyrows miteinander.

Davon zeugte nun eine Veröffentlichung der Zeitung „Nowaja Gaseta“, die sich offenkundig auf Quellen in den Sicherheitsbehörden stützt. Sie berichtete, schon am 2. März 2015 habe der FSB – in dem das Misstrauen gegenüber Kadyrow besonders groß sein soll – Putin informiert, wer Nemzow ermordete: Das Attentat habe eine Gruppe Mitglieder des Sicherheitsapparats aus dem Bataillon Sewer (Norden) verübt. Es ist in Grosnyj stationiert und nur formal dem Innenministerium in Moskau, tatsächlich Kadyrow unterstellt.

Bizarres Bündel an Motiven

Der stellvertretende Kommandeur des Bataillons Ruslan Geremejew habe die Gruppe vermutlich geleitet. Dieser ist der Neffe eines tschetschenischen Vertreters im Föderationsrat, dem russischen Oberhaus, sowie des Duma-Abgeordneten Adam Delimchanow, der als möglicher Nachfolger Kadyrows gilt; er ist bekannt dafür, dass ihm 2013 bei einem Handgemenge im Parlamentsgebäude eine vergoldete Pistole aus der Tasche fiel.

Am 5. März vorigen Jahres wurden dann die Männer festgenommen, die weiter in Untersuchungshaft sitzen; ein sechster soll sich beim Zugriff in Grosnyj mit einer Handgranate in die Luft gesprengt haben. Dieser Mann sowie der mutmaßliche Schütze, Saur Dadajew, gehörten ebenfalls dem Bataillon Sewer an. Dadajew, hieß es weiter, habe einige Zeit den Personenschutz des Abgeordneten Delimchanow geleitet.

Weitere Themen

Thailands König entzweit Familien

Proteste gegen Rama X. : Thailands König entzweit Familien

Die junge Thailänderin Nan demonstriert in Bangkok für eine Einschränkung der königlichen Rechte. Sie will nicht vom reichsten Monarchen der Erde regiert werden. Ihre Eltern aber wollen nicht an den Traditionen rütteln.

Topmeldungen

Zwischen Angst und Wut: Unter den Demonstranten in Thailand sind viele junge Frauen, die sich von den Traditionen ihrer Eltern abwenden.

Proteste gegen Rama X. : Thailands König entzweit Familien

Die junge Thailänderin Nan demonstriert in Bangkok für eine Einschränkung der königlichen Rechte. Sie will nicht vom reichsten Monarchen der Erde regiert werden. Ihre Eltern aber wollen nicht an den Traditionen rütteln.
Schwierige Partner: Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

Polens Außenminister : Die EU-Verträge sind heilig

In Europa gilt das Einstimmigkeitsprinzip. In den Regelungen für die Corona-Hilfe soll das nun rechtswidrig umgangen werden. Polen muss mit einem Veto drohen, um einen drohenden Vertragsbruch abzuwenden. Ein Gastbeitrag.
Lange Schlangen vor den Supermärkten sind auch vor Weihnachten wieder zu erwarten.

So reagiert der Handel : Lange Schlangen und gähnende Leere befürchtet

Wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest hat die Bundesregierung die Corona-Maßnahmen noch einmal verschärft – sehr zum Ärger des hiesigen Handels. Gerade Supermärkte haben für die Regeln nur wenig Verständnis.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.