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Gauck warnt vor Appeasement : Die Geister von 1939

Bundespräsident Gauck und Polens Präsident Bronislaw Komorowski am Montag auf der Westerplatte Bild: dpa

Danzig ist zu einem weiteren Symbol für die Erfolge des europäischen Einigungsprozesses in Frieden und Freiheit geworden. Seit Gaucks Rede steht die Westerplatte aber auch für die Wehrhaftigkeit des freien Europas.

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          Auf der Westerplatte bei Danzig, wo vor fünfundsiebzig Jahren der Zweite Weltkrieg ausbrach, hat Europa vor einem sich im Osten verdunkelnden Horizont eine helle Stunde erlebt. Niemand hat vergessen, welches Leid Hitler über das Nachbarland brachte. Deutsche wie Polen erfuhren, was Vertreibung bedeutet. Nach wie vor gibt es in ihren Ländern unterschiedliche Interpretationen der gemeinsamen Geschichte. Und doch haben sie sich über die Differenzen hinweg so weit verständigt und versöhnt, dass Angst und Argwohn aus ihrem Verhältnis gewichen sind. Keiner fordert vom anderen oder von einem Dritten Gebiete zurück mit der Begründung, diese hätten schon immer zu Großdeutschland oder Großpolen gehört. Das einst umkämpfte Danzig, in dem sich die Staatsoberhäupter nicht zum ersten Mal in Freundschaft die Hände reichten, ist wie so viele im Westen gelegene Städte vor ihm zu einem Symbol für den Erfolg der europäischen Einigung in Frieden und Freiheit geworden.

          Seit diesem Jahrestag steht die Westerplatte aber auch für die Wehrhaftigkeit des freien Europa. Man werde „Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen“, sagte dort Bundespräsident Gauck. Die neuen Umstände, das ist das Projekt „Neurussland“: Putins Versuch, Russland durch die „Heimholung“ ehemaliger sowjetischer Gebiete zu altneuer „Größe“ zu verhelfen. Gauck zeigte den Polen, dass auch Deutschland die Gefahren erkennt, die von Putins Reconquista für Stabilität und Frieden in Europa ausgehen - und dass jedenfalls das deutsche Staatsoberhaupt weiß, dass „territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern“. Wann hat ein Bundespräsident je so offen gesprochen? Wann waren sich Deutschland und Polen so einig in der Beurteilung Russlands?

          Putin treibt die Europäer also nicht nur vor sich her; er schweißt wenigstens einige von ihnen auch enger zusammen. Warschau wird, wie auch der Aufruf polnischer Intellektueller zeigt, immer noch stärker von den Geistern von 1939 verfolgt als Deutschland. Zu denen zählt zum Glück nicht mehr das deutsche Gespenst. Den Polen ist jedoch nicht entgangen, dass viele Deutsche nach wie vor von Russland und seinem starken Führer schwärmen. Auch Gauck hat Tolstoi und Dostojewski erwähnt; Putin, der vor fünf Jahren auf der Westerplatte noch dabei war, aber mit keinem Wort.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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