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Gas aus Russland : Die Macht, die aus den Röhren kommt

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Entlastung wird benötigt

Der Kern der europäischen Ukraine-Strategie aber ist das Unternehmen „Stromumkehr“. Es sieht vor, in einigen der wichtigsten Transitröhren den Gasstrom, der bisher von Russland nach Mitteleuropa ging, einfach umzukehren. Die EU hat durch neu erschlossene amerikanische Schiefergasvorkommen und das Aufkommen von Flüssiggastankern am Weltmarkt genug Ressourcen, um die Ukraine mit zu versorgen. Die deutsche RWE Supply and Trading hat sich schon verpflichtet, bis zu zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr zu liefern. Die Wirkung dieser Umkehrung im Gasfluss wäre enorm. Für Gasprom wäre die Ukraine kein Monopolgebiet mehr, die Ukraine hätte Zugang zu billigerem Gas und müsste nicht mehr unter dem Damoklesschwert leben, bei Konflikten über Nacht vom Gasstrom abgeschnitten zu werden.

Noch aber gibt es Hindernisse. Die ersten kleineren Röhren über Polen oder Ungarn sind zwar bereits „umgedreht“ worden; in diesem Jahr sollen durch sie schon 1,3 Milliarden Kubikmeter RWE-Gas in die Ukraine strömen. Die Hauptstrecke über die Slowakei aber ist noch nicht soweit. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Aus Kiewer Sicht ist Pressburg (Bratislava) schuld. Der stellvertretende Vorsitzende der ukrainischen Naftogas, Wadim Tschuprun, hat behauptet, es gebe gewisse „Beziehungen“ zwischen Gasprom und dem slowakischen Pipeline-Betreiber Eustream, die einen Durchbruch bisher hintertrieben hätten. In Brüssel hält man das allerdings für eine grobe Vereinfachung, weil auch die Ukraine selbst sich noch nicht entschlossen habe, ob sie das „europäische Modell“ wirklich wolle.

Eingeweihte in Kiew bestätigen das. Man weiß dort zwar, was es für die Ukraine bedeuten würde, wenn sie mit Moskau ginge, aber man sieht auch, dass Putins Billiggas wesentlich zügiger zu haben wäre als die europäischen Gewinne. Präsident Janukowitsch aber braucht sehr bald Entlastung. Schon Anfang 2015 wird wieder gewählt, und seine Umfrageergebnisse sind mittlerweile unter die seines Konkurrenten, des Boxweltmeisters Witalij Klitschko, gesunken. Schnelles Geld für Wahlgeschenke könnte Janukowitsch da wichtiger scheinen als langfristige Unabhängigkeit.

Das Zögern längst registriert

Aber noch aus einem anderen Grund zögert die Ukraine. Die vom Westen versprochenen Investitionen in Speicher, Infrastruktur und Schiefergasförderung können nur kommen, wenn das Land sich zu der Transparenz entschlösse, die der Westen verlangt. Dann aber würden die schwarzen Milliardengewinne, die ukrainische Oligarchen heute durch Schieberei und Subventionsbetrug in den intransparenten Netzen von Naftogas erzielen, ein Ende finden. „Europäische Regeln würden manchen in der Ukraine erhebliche Verluste bringen“, sagt Michailo Gontschar vom Nomos-Institut.

Die EU hat dieses Zögern längst registriert. Die seit Kiews EEC-Beitritt versprochene Öffnung der Gasnetze werde „in der Praxis nicht verwirklicht“, heißt es in einem Bericht von 2012, und Brüsseler Fachleute sorgen sich längst, „dass die Russen und die Ukrainer das unter sich ausmachen“ könnten. Dann hätte die EU die wichtigste Partie in diesem großen Spiel um Geld und Macht verloren.

Noch aber ist es nicht soweit. Die Europäer wissen, dass Janukowitsch zwar Geld braucht, es aber zugleich vermeiden will, auf den Rang eines Duodezfürsten von Putins Gnaden herabzusinken. Europa setzt deshalb auf die Lockwirkung seiner Kredite und Investitionen. „Das Brautgeschenk ist fertig“, flüstert es. „Jetzt müsst ihr nur noch aufhören, mit den Anderen zu flirten.“

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