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Gas aus Russland : Die Macht, die aus den Röhren kommt

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Aber nicht nur psychologisch ist die Ukraine entscheidend. Weil über ihre Leitungen 68 Prozent des russischen Gasexports nach Europa gehen, beherrscht sie den Energiemarkt, und weil ihre altertümliche Industrie immens viel Gas braucht, war sie noch 2011 mit einer Abnahme von 40 Milliarden Kubikmeter der größte europäische Kunde Gasproms. Seither hat Kiew die Einfuhr gedrosselt; es wird dieses Jahr mit möglicherweise nur noch 26 Milliarden Kubikmeter hinter Deutschland zurückfallen. Weil aber der ukrainische Staatskonzern Naftogas mit 430 Dollar je tausend Kubikmeter immer noch deutlich mehr zahlt als den von Gasprom angegebenen europäischen Durchschnittspreis von 279 Euro, ist die Ukraine bis heute die wichtigste Geldquelle des russischen Gasimperiums. Der ukrainische Staatshaushalt ächzt unter den Milliardensubventionen, durch die Präsident Viktor Janukowitsch die Menschen im Land vor den russischen Monopolpreisen zu schützen versucht. Das Sozialprodukt ist im ersten Quartal 2013 um 1,1 Prozent geschrumpft.

In dieser Lage macht Russland der Ukraine ein Angebot: Es bietet niedrige Preise (ukrainische Medien sprechen von 260 Dollar je tausend Kubikmeter) im Gegenzug für eine Integration der Ukraine in die Zollunion Russlands mit Weißrussland und Kasachstan. Gasprom und Naftogas Ukrainy sollten sich dabei zusammenschließen - mit dem Ergebnis, dass Russland auch auf das weitverzweigte interne Leitungsnetz der Ukraine Zugriff bekäme. Das hätte weitreichende Folgen. Fachleute wie Michailo Gontschar vom Kiewer Nomos-Institut glauben, dass Moskau dadurch im Machtspiel der ukrainischen Clans zum Schiedsrichter würde. Gasprom könnte mitbestimmen, wer zu welchem Preis Gas bekommt. Die Ukraine hätte damit billige Energie, aber Russland hätte Zugriff auf ihre innersten Machtnetze.

Enorme Gasspeicher an der Westgrenze

Die EU hat die Ukraine auf die Gefahren dieses Modells längst hingewiesen. „Es ist klar, dass das russische Angebot niedrigerer Gaspreise sehr verführerisch ist“, schrieb etwa Energiekommissar Oettinger im Januar. „Aber die Gaspreise sind der stärkste Faktor der Abhängigkeit von Russland.“ Deshalb biete Europa ein anderes Modell an: Die Ukraine solle ihren Energiesektor nach europäischen Regeln reformieren. Sie solle ihre Leitungen öffnen, die Korruption bekämpfen und einem geplanten Konsortium von internationalen Investoren dadurch Anreize geben, in das seit Sowjetzeiten nicht mehr modernisierte Leitungsnetz zu investieren.

Zwei Punkte an Oettingers Angebot dürften dabei für Kiew besonders interessant sein. Erstens könnte die Ukraine durch Anbindung an Europa eines Tages ihre möglicherweise beträchtlichen Schiefergasvorkommen auf den Markt bringen. Zweitens könnte sie mit ihren enormen Gasspeichern an der Westgrenze Geschäfte machen: Die Speicher könnten im Sommer, wenn Gas billig ist, gefüllt und bei hohen Preisen im Winter wieder entleert werden.

Brüssel hat schon einiges getan. 2010 ist die Ukraine in die Europäische Energiegemeinschaft (EEC) aufgenommen worden, in der die EU und mehrere Nachbarstaaten zusammengeschlossen sind. Dabei hat Kiew sich verpflichtet, bis 2015 die europäischen Energiemarktregeln einzuführen. Großzügige Geldversprechen kommen hinzu. Die Europäische Wiederaufbaubank EBRD bereitet zusammen mit der Entwicklungsbank EIB Kreditlinien vor, die allein schon für die Modernisierung der ersten Transitpipeline, der Strecke Urengoj-Pomari-Uschgorod, 308 Millionen Euro vorsehen - wenn nur die Ukraine die nötigen Reformen anpackt.

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