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Gas aus Russland : Die Macht, die aus den Röhren kommt

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Auch zum „Gaskrieg“ mit der Ukraine hat Gasprom seine eigene Sicht. Der Versorgungsvertrag mit Kiew sei damals schlichtweg ausgelaufen, und weil kein neuer vereinbart worden sei, habe man damals eben die Ukraine auch nicht mehr beliefert. Zur Krise sei es erst gekommen, als die Ukraine den Gastransit unterbunden habe - was Kiew stets bestritten hat. „Russland und Gasprom waren die Opfer einer Repression, weil sie ihren Lieferverpflichtungen nicht mehr nachkommen konnten“, lässt Gasprom wissen. Der neue Vertrag schließlich sei mit Zustimmung beider Seiten entstanden. Die Schwarzmeerleitung „South Stream“ steht mit dieser Erfahrung aus Moskauer Sicht in direktem Zusammenhang. Das Projekt solle die Lieferungen nach Europa garantieren und Repressionen durch „nicht immer vorhersehbar agierende Transitländer“ wirkungslos machen. Gasprom nehme diese Belastung auf sich, um die Versorgungssicherheit Europas zu verbessern.

Brüssels Waffe ist der Wettbewerb

In Europa überzeugen solche Beteuerungen nicht alle. Vor allem die neuen EU-Mitglieder im Osten fordern eine gemeinsame Politik, um der Macht, die aus den Röhren kommt, gemeinsam widerstehen zu können. In Brüssel kam diese Botschaft an, wie etwa ein „Non-Paper“ der EU-Kommission von Anfang des Jahres zeigt. Darin heißt es, dass mehrere Mitgliedstaaten von einem „russischen Versorger“ abhängig seien, dessen Preisbildung „möglicherweise nicht immer Marktprinzipien entspricht“. In zurückhaltender Diplomatensprache wird damit ausgedrückt, was man in Brüssel unter vier Augen klarer zu hören bekommt: Gasprom setzt europäische Länder unter Druck - und die EU ist bereit, darauf zu reagieren.

Für Gasprom geht es dabei auch deshalb um viel, weil der Konzern gleichzeitig an mehreren Fronten unter Druck geraten ist. Ihm drohen wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil seine Effizienz und sein Innovationstempo niedrig sind, während er im Inland auf Weisung des Kremls die Gaspreise niedrig halten muss - Strom und Wärme gelten als Grundrechte. Zudem wird Gasprom auch in Russland durch Wettbewerber wie Novatek und den ebenfalls staatlich kontrollierten Erdölkonzern Rosneft angegriffen, in dem ein Vertrauter Putins den Ton angibt - der Hintergrund sind möglicherweise Machtkämpfe in der Moskauer Elite.

Brüssels Waffe ist der Wettbewerb. Gasprom, so das Kalkül, müsse nur genug Konkurrenz bekommen, dann werde der Konzern seine Monopolpreise senken müssen: „Wenn sie dann noch Spielchen versuchen, können wir etwas tun, denn über den offenen Markt kann jeder ausweichen.“ „Offener Markt“ heißt dabei zunächst, neue Lieferwege zu öffnen, durch die Gas vom Weltmarkt in Gasproms Monopolreviere strömen könnte. Dazu gehört zum Beispiel der „südliche Korridor“, der über die geplante transanatolische Pipeline Tanap das aserbaidschanische Schah-Deniz-Gasfeld im Kaspischen Meer mit der heutigen Gasprom-Einflusszone auf dem Balkan verbinden soll. Ungarn oder Bulgarien, die während des Gaskriegs von 2009 im Kalten saßen, könnten damit auf anderem Wege versorgt werden. Die EU will die geplante Leitung eines Tages durch das Kaspische Meer bis Turkmenistan verlängern. Der deutsche Energiekommissar Günther Oettinger hat klar gemacht, dass dieser Plan „ein zentrales Projekt“ sei, das die Kommission „so schnell wie möglich verwirklichen“ wolle.

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