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Front National : Marine Le Pen – süß und giftig

  • -Aktualisiert am

Frauchen mit Knuddeltier: Marine Le Pen und ihr etwas verstört dreinblickender Wegbegleiter. Bild: „http://carnetsdesperances.fr/“

Die Front National-Chefin macht Politik-Pause, stattdessen zeigt sie sich in ihrem Blog ganz privat – mit kuscheligen Tieren. Das ist durchsichtig und kalkulierend. Am Ende könnte sie damit aber Erfolg haben.

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          Marine Le Pen ist wieder zurück auf der politischen Bühne. Die Vorsitzende der rechtsextremen Partei Front National ließ sich in Paris gerade von ihren Anhängern als künftige Staatspräsidentin feiern. In Brüssel sucht sie den Schulterschluss mit der AfD. Ihre monatelange Auszeit hatte sie dazu genutzt, sich in einem Blog von einer ganz privaten Seite zu zeigen. Le Pens Internet-Tagebuch heißt pathetisch „carnets d’espérances“, übersetzt etwa „Notizen der Hoffnung“. Das soll Mut machen. Im Februar legte sie mit einem patriotischen Eintrag los: „Ich bin eine freie Frau, eine Mutter, eine Französin, und ich habe beschlossen, mich für mein Land zu engagieren.“

          Diese Attitüde ist neu. Marine Le Pen gibt sich in ihrem Internet-Tagebuch privat. Man sieht sie beim Essen mit Freunden, auf dem Sofa mit einer ihrer Töchter, im Museum mit dem derzeitigen Lebensgefährten oder mit ausgebreiteten Armen barfuß am Strand. Sie gießt die Geranien an ihrem Fenster, schmust mit Hündchen und streichelt sehr oft Katzen, die sogar über ihren Schreibtisch laufen dürfen. Noch öfter allerdings besucht sie Bauern, bedient Melkmaschinen und tätschelt Kälber, die mal zu einem guten Bœuf bourguignon werden sollen.

          Stoßrichtung: Die Mitte der Gesellschaft

          Schnell greift die Autorin auch „zur Feder“, um die französische Orthographie zu retten. Manchmal wird sie philosophisch. Dann räsoniert Madame Le Pen in der Ich-Form über Pausen, die man brauche, um mit den geliebten Menschen zu reden. Sie sinniert über den seltenen Rohstoff der Zeit, den man erst wieder entdecken könne, wenn man dem „medialen Nahkampf“ entkommt. Sie kritisiert auch den „ideologischen Monolithismus der traditionellen Medien“ und seiner Kampagnen.

          Dabei ist ihr Blog nichts anderes als eine politische Medienkampagne und professionelle Propaganda. Denn tatsächlich hat Marine Le Pen gerade eine Wahlkampfpause, die ihr Zeit lässt, ihr Image bis zum Beginn der Präsidentenwahlen im April 2017 aufzupolieren. 2012 hatte sie als Präsidentschaftskandidatin im ersten Wahlgang respektable 17,9 Prozent der Stimmen erhalten. Bei der nächsten Wahl könnte sie mehr als zwanzig Prozent bekommen. Doch laut einer aktuellen Umfrage sehen immer noch 56 Prozent der Franzosen den Front National als eine Gefahr für die Demokratie. Marine Le Pen muss also in die Mitte der Gesellschaft vorstoßen, wenn sie neue Wählerschichten gewinnen will.

          Volksnah und familiär: Le Pen mit Katze im heimischen Garten.

          Distanzierung vom Vater?

          Die Umstände sind günstig. Aus den Regionalwahlen ist der Front National Ende 2015 als stärkste Partei hervorgegangen. Die tatsächliche Regierungsverantwortung dagegen ist minimal. Der Front National regiert in keiner der Regionen, in der Nationalversammlung hat er nur zwei Sitze, einen davon erhielt Le Pens Nichte Marion Maréchal-Le Pen. Auch im Senat hat die Partei nur zwei Sitze. So ließ sich bisher gut Opposition machen. Nun will Le Pen mit viel Hoffnungszauber zeigen, welche Visionen sie für ihr Land hat.

          Die allgemeine Erwartung ist, dass sie ihre Partei „entdiabolisiert“. Und wohl auch sich selbst. Le Pen wurde 1968 geboren. Sie hat drei Kinder, ist zweimal geschieden und die jüngste von drei Töchtern aus der ersten Ehe ihres Vaters und Front-National-Gründers Jean-Marie Le Pen. Sie soll einmal gesagt haben, nur auf Parteiveranstaltungen habe sie die Möglichkeit gehabt, ihm nahe zu sein. Nun schaut Frankreich darauf, wie nahe sie ihrem Vater gekommen ist. Obwohl sie ihn im vergangenen Jahr wegen seiner antisemitischen Positionen aus der Partei geworfen hat, zweifeln immer noch viele Franzosen an ihrer Aufrichtigkeit.

          Eine Front-National-befreite Zone

          Marine Le Pen zeichnet in ihrem Blog nur sich selbst weich, alles andere dagegen schwarzweiß. Einen derben Fußtritt bekommt etwa der bürgerliche Ex-Premier Alain Juppé, Jahrgang 1945. Auch Juppé möchte im kommenden Jahr um das Präsidentenamt kandidieren. Spöttisch hält sie ihm vor, das Gesicht der Erneuerung Frankreichs sein zu wollen. Während Le Pens Twitter- und Facebook-Accounts mit dem Parteilogo versehen sind, sollte der Blog eine Art Front-National-befreite Zone sein. Das hat bis zu den Veröffentlichungen der Panama Papers halbwegs funktioniert. Bis dahin tauchte der Front National im Blog kaum auf.

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