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Frankreich : „Was auch geschieht, Hollande ist am Ende“

Freischwimmer: der französische Präsident François Hollande am Donnerstagabend bei seinem „Bürgerdialog“ Bild: dpa

Ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen könnte die Lage von François Hollande nicht schlechter sein. In einer Fernsehsendung hat er nun versucht, sich freizuschwimmen – mit zweifelhaftem Ergebnis.

          Es fehlte eigentlich nur noch Valérie Trierweiler, um den Fernsehauftritt des französischen Präsidenten am Donnerstagabend endgültig lächerlich zu machen. Tatsächlich meldete sich die aus dem Elysée-Palast verstoßene Gefährtin François Hollandes twitternd zu Wort. „Wer erinnert sich noch? Ein Präsident? An einem 14. April?“, schrieb sie scheinbar frei von Rachegelüsten. Doch in Wahrheit verwies sie auf ein politisches Fernsehdebakel mit weitreichenden Folgen. Am 14. April 2005 hatte der damalige Präsident Jacques Chirac vor laufenden Kameras versucht, in einen Dialog mit jungen Franzosen zu treten. Der inszenierte Gesprächsversuch scheiterte kläglich und gipfelte in dem Präsidentenwort: „Ich verstehe Sie nicht!“ Einen guten Monat später verlor Chirac das Referendum zum europäischen Verfassungsvertrag; es war der Anfang seines politischen Endes.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Hollande trat am Donnerstagabend im staatlichen Fernsehsender France 2 vor die Zuschauer, als habe er nichts von seinem Vorvorgänger gelernt. „Frankreich geht es besser“, behauptete er mit Nachdruck, obwohl ein Großteil seiner Landsleute dies angesichts einer Rekordarbeitslosenrate anders sieht. „Ja, es geht besser“, wiederholte Hollande.

          Es gebe „mehr Wachstum“ und „mehr Kaufkraft“, bekundete er. Frankreich habe sich unter seiner Führung reformiert, und er werde die Reformen „bis zu seinem letzten Tag im Elysée-Palast fortsetzen“, kündigte Hollande an. Wirtschaftsminister Emmanuel Macron, der eine eigene Bewegung gegründet hat, behauptete währenddessen bei einem Auftritt in London, „bestimmte Reformen werden bis 2017 ausgesetzt“.

          Der Präsident mit dem Rücken zur Wand

          Auch der von langer Hand vorbereitete „Dialog mit Bürgern“ sollte sich nicht so entwickeln, wie es sich der Elysée-Palast genscht hatte. Hollandes allgegenwärtiger Kommunikationsberater Gaspard Gantzer hatte von einer „Operation Wiedereroberung“ gesprochen. Doch Hollande fiel es sichtlich schwer, im Gespräch mit vier Franzosen über die Widersprüche seiner Regierungsarbeit hinwegzutäuschen.

          Der sozialistische Präsident argumentierte dabei mit dem Rücken zur Wand. Einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage des Instituts Elabe ist zu entnehmen, dass 87 Prozent seiner Landsleute seine Bilanz negativ bewerten. 76 Prozent der Franzosen wünschen sich laut einer Umfrage des Instituts Odoxa, dass er auf eine Präsidentschaftskandidatur 2017 verzichtet. Fernsehauftritte des Präsidenten werden in Frankreich gern zu politischen Ereignissen aufgebauscht – und dann harsch kritisiert.

          „Der Präsident hat Angst vor mir“

          Aber selten ist eine Sendung schon so zerrissen worden, bevor sie überhaupt ausgestrahlt wurde. Gründe für die Kritik gibt es allemal. So war durchgesickert, dass der neue Informationsdirektor von France Télévisions, Michel Field, unterwürfig die gesamte Sendungsplanung mit dem Elysée-Palast abgestimmt hatte. Eine erfahrene politische Kommentatorin wurde als Fragestellerin zurückgewiesen, stattdessen durfte eine junge Journalistin den Präsidenten befragen, die nach Aussagen Fields ausgewählt wurde, weil sie „sexy und herumwirbelnd“ sei.

          Auch beim „Dialog mit den Bürgern“ hatte der Elysée-Palast mit Einwilligung Fields nichts dem Zufall überlassen. Ein Schweinezüchter aus der Bretagne und eine Gewerkschafterin wurden nach wochenlangen Proben auf Geheiß aus dem Präsidentenpalast wieder ausgeladen. Die Gewerkschafterin Nadine Hourmant sagte: „Der Präsident hat Angst vor mir, denn ich bin unkontrollierbar und sage, was ich denke.“ Auch der Schweinezüchter Nicolas Leborgne bekundete seinen Zorn. „Ich bin nicht enttäuscht, sondern angeekelt. Der Landwirtschaft in Frankreich geht es sehr schlecht. Aber niemand hat das Recht, darüber offen zu sprechen“, sagte Leborgne.

          Die ausgewählten vier Fragesteller wirkten wie dem Drehbuch eines Kommunikationsberaters entsprungen. Doch trotz aller Bemühungen gelang es dem Präsidenten nicht, die Unternehmenschefin Anne-Laure Constanza zu überzeugen. „Ich wünsche mir endlich echte Aktionen“, sagte Constanza. Ähnlich unzufrieden schied Dschihadisten-Mutter Véronique Roy aus dem Gespräch. Ihr Sohn war im Januar im irakisch-syrischen Kampfgebiet getötet worden. Roy forderte von Hollande „endlich“ ein entschiedenes Durchgreifen gegen die salafistische und dschihadistische Propaganda in Frankreich. Ergebnislos verliefen auch die „Dialoge“ mit dem Front-National-Wähler Antoine Demeyer und dem „Nuit Debout“-Aktivisten Marwen Belkaid. „Was immer auch geschieht, Hollande ist am Ende“, kommentierte Aurélie Filippetti, seine frühere Kulturministerin.

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